Skip to content

Die unendliche Geschichte

Ich weiss gar nicht mehr wie oft ich sie damals gelesen habe, aber es waren ein paar Mal.
„Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende ist ein Buch, das zwar in die Kinderbuch Abteilung passt, aber literarisch weit mehr zu bieten hat als viele moderne Publikationen.
Es war damals mein absolutes Lieblingsbuch und als ich mir bewusst war, dass es in China in einer chinesischen Übersetzung zu haben ist, musste ich es jedem Bekannten hier unbedingt aufschwatzen und tue es bis heute (genau genommen hat mich eine Mitschülerin, mit der ich 2010 in Beijing Chinesisch gelernt habe darauf aufmerksam gemacht).
Ich habe auch noch einmal eine deutsche Version gekauft, als ich einmal wieder in Deutschland war und habe es unserem (damals noch im Bauch meiner Frau befindlichem) Sohn vorgelesen.
Man sagt ja, dass man Kinder vor der Geburt schon an seine Stimme gewöhnen sollte und so habe ich, obwohl es anfangs etwas komisch ist, jeden Tag zu Feierabend dem Bauch meiner Frau etwas vorgelesen bzw. -gesungen (Beatles und David Bowie eignen sich hier besonders gut. Hatte ich, so weit ich weiss schon einmal erwähnt).
Beim Lesen der unendlichen Geschichte war ich sofort wieder Feuer und Flamme und habe mich schon damals darauf gefreut es eines Tages mit ihm zusammen zu lesen, wenn er es dann auch verstehen kann (aber das dauert leider noch eine Weile).
Es ist ein Buch, das kurzatmig und tiefgründig ist und überraschenderweise auch für Erwachsene noch ein paar Weisheiten bereit hält.
Es ist eben kein Friede, Freude, Eierkuchen -Buch, sondern schwenkt, wenn man es gar nicht erwartet noch einmal um und lässt den Protagonisten, mit dem man sich identifiziert hat, zu einem kleinen Arschloch werden.
Man ist sofort daran erinnert, dass man sich selber bereits in seinem Leben aus den unterschiedlichsten fadenscheinigen Gründen öfters nicht korrekt verhalten hat und kommt nicht umhin sich für die herablassende Art des fiktiven Charakters selbst zu schämen, bevor die Geschichte einen später dann wieder auffängt und versöhnlichere Töne anschlägt.
Sie merken wahrscheinlich bereits, dass ich auch heute noch grosse Stücke auf dieses Werk halte.
Es ist qualitativ einfach sehr gut. Dazu gehören auch viele kleine Feinheiten und eine davon ist die Beschreibung des Drachen „Fuchur“ als Glücksdrache.
In der Regel waren Drachen in westlicher Kultur immer böse Ungetüme, die man als tapferer Ritter töten musste um Frieden über das Land zu bringen und die Königstochter zu gewinnen (aus heutiger Sichtweise ist bereits das schon ziemlich chauvinistisch).
In moderneren Erzählungen gibt es dann schon Bezwinger die mehr oder weniger gut mit den Ungetümen auskommen oder Figuren die von den Bestien als Eltern angesehen werden („Game of Thrones“ wäre hier ein schönes Beispiel), aber Bestien bleiben sie eben doch.
Michael Ende hat sich dafür entschieden den Drachen, ganz nach asiatischem Vorbild als Glücksbringer darzustellen und auch die Beschreibung eines langen, schon eher schlangenähnlichen Tiers passt zu der Vorstellung eines Drachen aus Fernost.
Und da sind wir auch schon wieder bei den Drachen. Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Artikel [[Drachen, Löwen, Drachenlöwen und anderes Getier]]. Dort hatten wir dieses Thema, das einem in China immer wieder begegnet, bereits einmal etwas ausgeleuchtet.
Heute möchte ich einmal auf die Drachen aus Papier eingehen, die man dank des ständigen Windes in Beijing über vielen grossen, weiten Flächen schweben sehen kann.
Dabei finden sich ganz moderne Lenkdrachen ebenso wieder, wie selbstgebaute Kastendrachen und viele, teils sehr originelle Modelle wie eine Krake, die ich einst bestaunen durfte und die sich dermassen realistisch im Himmel bewegt hat, dass ich tatsächlich zweimal hinschauen musste um mich davon zu überzeugen, dass wir nicht gerade von Ausserirdischen angegriffen werden.
Der Drachenbau hat in China eine sehr lange Tradition. Erste Aufzeichnungen gibt es aus dem 6. Jahrhundert v. Chr., allerdings ist es gut möglich, dass er noch viel älter ist.
Hin und wieder kann man bei Veranstaltungen wie Tempelfesten oder ähnlichem noch original handgemachte Drachen bestaunen, allerdings ist dies, genau wie der traditionelle Schirmmacher, ein aussterbender Berufszweig.
Im deutschen heissen die Fluggeräte Drachen, im chinesischen 风筝 (fēng zheng), was mich zuerst etwas irritiert hat.
Denn 风筝 (fēng zheng) bedeutet übersetzt Wind Zither und beschreibt vom aussehen eher einen Kastendrachen, der mit seinen gespannten Sehnen und viel Phantasie eventuell an eine chinesische Zither (古箏 gǔ zhēng) erinnern könnte.
Ein Fluggerät, das im deutschen Drachen heisst, seinen Ursprung im Land der Drachen hat und trotzdem nicht Drachen heisst ? Das ist ja seltsam.
Aber nach etwas Recherche habe ich ihn dann doch gefunden: Den eigentlichen chinesischen Drachen-Drachen.
Der Centipede-Drachen ist eine Besonderheit unter den Drachen. Lang, wie eine Schlange verkörpert er tatsächlich den chinesischen Glücksdrachen, so wie ihn nicht nur Michael Ende beschreibt.
Dieses spezielle Modell war in früheren Zeiten dem Kaiser vorbehalten, niemand sonst, durfte einen derartigen Drachen steigen lassen, alle anderen mussten sich mit anderen Tieren begnügen. Was dann auch erklären könnte, warum man den Drachen in China eben nicht nach dem Fabelwesen benannt hat.
Damals schnitt man, wenn der Centipede-Drachen weit oben in den Lüften war, die Schnur durch und liess ihn frei. Das sollte Glück bringen.
Vermutlich ist er dann irgendwo falsch abgebogen und irgendwie nach Phantasien gekommen, wer weiss das schon so genau.
Auf jeden Fall dürfte er auf seinem Weg vielen Menschen Glück gebracht haben, wenn man den den alten oder auch den neuen Geschichten glaubt.
Und so wie das Wissen um den Drachenbau von Generation zu Generation weitergegeben worden ist, will auch ich „Fuchur“ und all die anderen Geschöpfe meinem Sohn vorstellen, wenn er dann etwas älter ist und wer weiss, vielleicht gibt er die Geschichte auch wieder an die nächste Generation weiter und macht sie so tatsächlich zu einer unendlichen Geschichte.

Das Geheimnis von Khazad-dûm

Kennen Sie die Bücher „Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien ? In ihnen kommt die Zwergenstadt Khazad-dûm vor. Ein gigantisches Labyrinth, von Zwergen geschaffen, das aus einem unterirdischen Stadtbereich und den Minen besteht und sich unter einem massiven Bergmassiv ausbreitet.
Übrigens ist die Verfilmung dieses epochalen Werks auch nicht schlecht. Besser als so manche Umsetzung anderer Bücher.
Und da die Bücher bereits viel Stoff enthalten, wurden daraus dann auch drei Filme. Völlig legitim.
Ich verstehe nur nicht, warum das Büchlein „Der kleine Hobbit“, das vor den Ereignissen aus „Der Herr der Ringe“ spielt und wirklich nicht viel mehr als ein etwas dickeres Heft ist, auch in drei Filmen verfilmt wurde. Das ist völlig unangemessen.
Ich habe folgendes Problem damit: Jeder Mensch liest und versteht ein Buch anders. Man hat andere Bilder im Kopf, die Phantasie erschafft jeweils andere Welten.
Eine Buchverfilmung pickt sich lediglich eine davon (die des Filmemachers) aus dem Buch heraus und visualisiert sie. Somit sind all die zusätzlichen Ideen und Gedanken und auch die Spinnereien die man sich im Prozess des geistigen Visualisierens beim lesen des Buches erarbeitet und die diese Welt erst lebendig machen, hinfällig.
Oder auf gut Deutsch: Eine Verfilmung kann niemals so gut sein wie das Buch.
Und wenn jetzt eine Verfilmung aus einem kleinen Büchlein drei Megafilme entstehen lässt, ist das in meinen Augen bereits eine andere Geschichte, die dem Buch überhaupt nicht mehr gerecht wird, selbst wenn sie gut sein sollte.
Ich habe die Verfilmung von „Der kleine Hobbit“ aus diesem Grund bis heute nicht gesehen.
Aber ich drifte wieder ab. Wir waren bei den Zwergen in Khazad-dûm:
Man sagt, dass sie damals zu tief gegraben und damit einen Dämon aus der alten Welt freigesetzt hätten.
Genau diese Geschichte geht mir jedes Mal durch den Kopf, wenn ich sehe in welchem Tempo in Beijing gebaut wird.
Das U-Bahn Netz (siehe Artikel [[öffentlicher Verkehr]]), das ja bereits das längste der Welt ist, wächst unaufhörlich und ständig gibt es neue Linien.
Und auch Strassen werden, wie im Stadtteil 通州 (tōng zhōu) im Osten der Stadt, wo die Bezirksregierung sitzt, dann schon mal komplett unter die Erde verlegt.
Aktuell gibt es hier eine riesige Baustelle wo einst im Somer ein durchgängiges Blätterdach den Blick aus dem Wohnzimmerfenster verschönt hat.
Eines nachts wurden auf der etliche Kilometer langen Strasse, die eine der Hauptverbindungen aus der Innenstadt ist, alle Bäume mit Nummern versehen, ausgegraben und weggebracht.
Ausserhalb Beijings steht jetzt also irgendwo ein kleiner durchnummerierter Wald der darauf wartet, eines Tages wieder zurückgebracht zu werden (Wenn das Baumbart wüsste).
U-Bahnen, Strassen, dazu unterirdische Fussgängerzonen und Einkaufzentren (siehe Artikel [[Dungeons & Dragons]]). Beijing gleicht einem schweizer Käse und ich mache mir tatsächlich Sorgen, ob man nicht ein wenig zu eifrig ist mit den Grabungen.
Dämonen aus anderen Zeitaltern frei zu setzten ist dabei allerdings nicht meine Hauptsorge, vielmehr denke ich dass ein all zu sehr ausgehöhlter Untergrund all die riesigen Wolkenkratzer, die auf der anderen Seite gebaut werden, nicht mehr halten kann.
Man kann nur hoffen, dass im Baugewerbe weniger gepfuscht wird als... Ach Quatsch was rede ich da ? Sie wissen worauf ich hinaus will.
Aber schauen wir uns die Baustellen im Stadtbild selber einmal an. Interessant zu beobachten ist, dass es nur sehr wenige offene Grabungen zu sehen gibt. In der Regel wird eine Mauer errichtet hinter der sich zuerst die Baustellenfahrzeuge versammeln und später dann eine komplette, meist aus Wellblech gefertigte Halle darüber errichtet wird.
Man kann so gut wie nie sehen, wie tatsächlich gegraben wird.
Verschwörungstheoretiker haben hier wieder etliche Theorien ausgebrütet. Wann immer irgendwo ein mehr oder weniger geheimer Bunker steht, gibt es auch Ideen, was für geheime Projekte dahinterstecken könnten.
Ich gehe einfach mal davon aus, dass es zum einen als Schutz vor den ständigen Sturmböen in Beijing gedacht ist (An frischen Ausgrabungen ohne Überbau müssen ständig feinmaschige Plastiknetze justiert werden um Erde und Dreck nicht im gesamten Stadtteil zu verbreiten) und zum anderen um das Stadtbild nicht all zu sehr zu verschandeln (Ob riesige Wellblechbauten jetzt besser aussehen als eine offene Baustelle, darüber mag man gerne streiten).
Auf jeden Fall gibt es dem ganzen wieder eine mystische Aura, was der Befürchtung es könnte eines Tages eine brennende Teufelsfratze aus einem der Rolltore, aus denen die Kipplaster kommen, herausstürmen wieder Futter gibt. ;-)

Ein leichter Sinn trägt alles (Von Selbstmord, Intrigen und Krieg)

Ich habe tatsächlich erst nach der Schule angefangen mich für klassische Literatur zu interessieren.
Während der Schulzeit war sie eine unangenehme Pflicht die zum Schulalltag gehörte. Romane und Gedichte, durch die man sich von Seite zu Seiten kämpfen musste. Dabei gab es doch auch aktuelle, interessante Literatur. Aber eben nicht in der Schule.
Diese Einstellung hat sich später geändert. Angefangen hat es mit „Die Leiden des jungen Werthers“ von Goethe. Ein Roman, der zu Schulzeiten bereits hat durchblicken lassen, dass es durchaus mehr in alten Texten zu entdecken gibt als das was klausurrelevant ist.
Und tatsächlich, als ich ihn privat, ganz ohne Druck gelesen habe, war es wie ein anderes Buch. Plötzlich war da eine Lust. sich in den Protagonisten hineinzuversetzen, so wie man es normalerweise tut, wenn man ein Buch liest.
„Ein leichter Sinn trägt alles“. So wie es im Buch selber schon so schön heisst (ist vielleicht ein wenig platt diesen grossen Spruch auf so eine Kleinigkeit anzuwenden, aber im Grunde genommen passt es. Man muss sich einfach nur frei machen).
Von da an ging ich, erst in kleinen Dosen dann immer mehr und mehr dazu über, gezielt die Klassiker der Weltliteratur zu lesen.
Wenn möglich im Original, was in meinem Fall bedeutet englisch oder deutsch, für alle anderssprachigen Bücher muss eine Übersetzung herhalten.
Es lohnt sich, denn diese Bücher sind nicht umsonst Klassiker (Mal abgesehen von Theodor Fontanes „Effie Briest“. Mit diesem Werk kann ich mich bis heute noch nicht anfreunden).
Es ist relativ schnell abzusehen, wenn man sich vornimmt, neben aktuellen oder relativ aktuellen Erscheinungen, so viele der alten Klassiker zu lesen wie möglich, dass man sich entscheiden muss. Es gibt viel zu viele um sie alle zu lesen. Dafür reicht ein Leben leider nicht aus.
Und da fängt der ganze Spass eigentlich erst an, denn betrachten wir es einmal von dieser Seite: die Wahl der Bücher gleicht der Wahl der Entscheidungen, die man in seinem Leben macht. So gesehen formt man seinen Geist in eine bestimmte Richtung.
Aber anders als beim Leben selbst, sind äussere Einflüsse minimal, wenn man die Schule hinter sich gelassen hat. Man kann lesen, was man will. Das bedeutet, dass man seinen Geist entsprechend formen kann, wie man will.
Das hört sich jetzt ziemlich banal an, aber es ist tatsächlich der Schlüssel zu etwas wesentlich grösserem.
Das ist absolute Freiheit. Unabhängig von Ihrer beruflichen Position, stehen Ihnen intellektuell alle Türen offen, wenn Sie wollen.
Und damit bringen Sie sich, auf eine höhere soziale Stufe. Vergessen Sie Geld und Macht, das was Sie zu einem wertvollen Mitglied der Gemeinschaft macht sind ihre Sichtweisen und was Sie in die Gesellschaft einbringen können.
Ich rede nicht einmal von grossen Vorträgen, die Sie halten sollen, sondern einfach von Ideen, die Sie an ihre Umwelt weitergeben können.
Sind Sie ein Mensch mit dem man sich gerne unterhält ? Dann haben Sie wahrscheinlich diese Qualitäten.
Und wenn Sie das nächste Mal in einen Buchladen gehen und mit dem Buchhändler reden, behalten Sie im Hinterkopf, dass dieser permanent einen groben Überblick über die gesamte Literaturwelt in seinem Kopf hat.
Anstatt ihn zu einem einfachen Verkäufer zu degradieren, sollten Sie in Ehrfurcht erstarren (Na, ja. Zumindest sollten Sie sein Wissen wertschätzen. Ehre, wem Ehre gebührt).
So: Langer Vorrede kurzer Sinn: Lesen erweitert den Horizont. Deshalb möchte ich Ihnen an dieser Stelle wieder einen der klassischen chinesischen Romane vorstellen. Denn lesen aus anderen Kulturen öffnet den Horizont noch weiter.
Die Rede ist von 三国志​通俗​演义 (sān guó zhì tōng sú yǎn yì) oder kurz 三国​演义 (sān guó yǎn yì). Übersetzt bekannt als „die Geschichte der drei Reiche“ oder auch „die Zeit der drei Reiche“.
Im Englischen auch gerne schon mal als „Romance of the three kingdoms“ übersetzt. Ich persönlich finde diesen Titel jedoch etwas verwirrend, denn das Hauptaugenmerk liegt in diesem Werk tatsächlich auf den Schlachten und all den Geschichten, die sich um sie herum drehen.
Wie immer kann die Übersetzung den vollen Sinn des Originaltitels nicht wiedergeben.
Das Wort 义 (yì) hat mehrere Bedeutungen. Interessanterweise kann es selber auch „Mehrdeutigkeit“ bedeuten.
In der Regel übersetzt man es in diesem Titel aber mit Gerechtigkeit oder Rechtschaffenheit.
Somit bedeutet der Titel so etwas wie „drei Reiche, die Gerechtigkeit praktizieren“ (ganz platt übersetzt).
义 (yì) hat aber noch wesentlich mehr Bedeutungen, die alle hier mit in diesen Titel hineinspielen. Es geht von Gerechtigkeit, über Brüderlichkeit und Gehorsam.
义 (yì) beschreibt die Beziehungen zwischen Vater und Sohn, ebenso wie die zwischen Ehemann und -frau oder die zwischen Herrscher und Untergebenem. Es ist ein überaus vielseitiges Wort, das immer den Funken der Ehre in sich trägt.
Der Roman ist eine Mischung aus Geschichtsschreibung und fiktiven Elementen. Er ist, in der Form in der wir ihn heute kennen, 1679 herausgekommen und besteht aus mehreren Geschichten, die alle im Kontext des zerfallenden Han-Reichs, den darauf folgenden drei Königreichen und zum Ende hin auch deren Fall spielen.
Eine Epoche, die vom Jahr 189 bis zum Jahr 280 reicht. Wenn man den alten Aufzeichnungen Glauben schenken darf, wurde die Bevölkerung während dieser Zeit um mehr als die Hälfte dezimiert, trotzdem ist die heutige Sicht auf diesen geschichtlichen Abschnitt ein eher romantisierter und mit Sagen um Helden und Kämpfern gespickter, was natürlich nicht zuletzt auch an diesem Werk liegt.
In der Erzählung sind, ähnlich wie bei dem Text 红楼梦 (hóng lóu mèng), den wir im Artikel [[Der Traum der Roten Kammer]] ja bereits besprochen hatten, viele Charaktere vorhanden (nicht ganz so viele, aber auch nicht gerade wenige).
Drei wichtige Charaktere sind 劉備 (liú bèi), 曹操 (cáo cāo) und 孫權 (sūn quán), die Herrscher der drei Reiche 魏 (wèi), 蜀 (shǔ ), und 吳 (wú).
Aber es gibt noch wesentlich mehr und viele von ihnen sind bekannt wie Superstars in China.
Hier kennt jedes Kind die Geschichten aus diesem Werk, da sie immer und immer wieder den Stoff für Filmproduktionen und auch Computerspiele geliefert haben (Einige der jüngeren Leser dürften sie aus „Dynasty Warriors“ vom PC oder der Playstation kennen).
Ebenso wie die Geschichten, sind die Charaktere teils echt, teils fiktiv.
Aber egal ob fiktiv oder echt, die Rollen die sie spielen, gehören in China zur Allgemeinbildung:
貂蟬 (diào chán), eine der vier Schönheiten, die mit dem General 呂布 (lǚ bù) verlobt und danach seinem Oberbefehlshaber 董卓 (dǒng zhuō) als Konkurbine versprochen wird, um diese gegeneinander auszuspielen.
Oder 關羽 (guān yǔ), der sich als Held und Krieger mit seiner Hellebarde (关刀 guān dāo, die wir noch aus dem Artikel [[Immer wieder ein Kampf]] kennen) einen Platz in den chinesischen Sagen erobert hat und vielerorts sogar als Kriegsgott verehrt wird. Er zeichnet sich vor allen Dingen durch seine unerschütterliche Treue aus.
Oder 諸葛亮 (zhū gě liàng), dessen Name bis heute als Inbegriff für einen genialen Taktiker gilt. Auf ihn gehen die Erfindung der Kungming-Lampe (ein Heissluftballon zur Signalübermittlung) und die einer Armbrustvorrichtung mit der man mehrere Pfeile gleichzeitig abschiessen konnte, zurück.
Viele dieser Figuren oder Geschichten finden sich auf Bildern oder Aussprüchen überall in China wieder. Wenn Sie zum Beispiel ein Restaurant besuchen, kann es durchaus sein, dass Sie auf sie treffen.
Die Geschichten um 諸葛亮 (zhū gě liàng), 曹操 (cáo cāo), 劉備 (liú bèi) und viele andere sind auch Bestandteil der 36 Strategeme (三十六计 sān shí liù jì), einer chinesischen Sammlung historischer Tricks und Täuschungen. Ebenfalls sehr berühmt in China und auch sehr lesenswert.
三国​演义 (sān guó yǎn yì) „Die Geschichte der drei Reiche“, ebenso wie die 36 Strategeme (三十六计 sān shí liù jì) kann man sich ruhig einmal zu Gemüte führen. Es lohnt sich.

Einerseits, aber andererseits...

Gerade ein Jahr alt und unser Sohn läuft nicht nur, sondern fängt auch an die ersten Wörter zu sprechen. Oder besser gesagt: Er wiederholt Laute und fängt an, sie Objekten zuzuordnen auf die er zeigt.
Ein paar Worte konnte er schon vorher, wir waren uns aber nicht sicher, ob er auch versteht, dass sie eine Bedeutung haben oder sie nur eine Stimmübung für ihn waren.
Ich habe schon früh angefangen ihm das deutsche „R“ beizubringen, da es viele Chinesen tatsächlich nicht aussprechen können.
Er hat es spielerisch sofort aufgenommen und liebt es hin und wieder einfach dazuliegen und „Rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr“ von sich zu geben. Es wirkt fast, als würde er angeben wollen, indem er allen Umstehenden zeigt, dass er etwas formulieren kann, was sie nicht können.
Das erste gesprochene Wort war natürlich eine ganz grosse Sache. Da ich mit ihm ausschliesslich auf Deutsch rede und der Rest der Familie auf Chinesisch, war natürlich die Frage: Wird sein erstes Wort ein deutsches oder ein chinesisches sein ?
Es hat sich fast wie ein kleiner Wettlauf angefühlt und obwohl es eigentlich egal ist, hat jeder insgeheim gehofft, dass er ein Wort aus seiner Sprache wählt.
Die Wahrscheinlichkeit dass es ein chinesisches sein würde, war natürlich wesentlich höher, da er den halben Tag, wenn meine Frau und ich arbeiten sind, bei den Schwiegereltern verbringt und auch so jeder ausser mir Chinesisch mit ihm spricht.
Hinzu kommt, dass einige chinesische Wörter sehr einfach zu lernen sind (zumindest die Aussprache). Sie haben oft nur eine Silbe und viele bilden tatsächlich Grundlaute ab, die Kleinkinder schnell lernen zu sprechen so wie da, ba, du, la, li, lu usw. Das ist im Deutschen schon etwas aufwendiger.
Während er von chinesischer Seite immer „dēng“ zu hören bekommt, wenn er auf die Lampe an der Decke zeigt, kontere ich immer mit „Lampe“.
Es ist zwar nur eine Silbe unterschied, aber dieses Schema zieht sich durch die beiden Sprachen wie ein roter Faden. Das deutsche Wort ist immer länger als das chinesische und hat viele unterschiedliche Laute.
Aber unser Sohn hat sich tatsächlich anders entschieden und das Wort „Mama“ zu seinem ersten Wort gemacht.
„Mama“ im deutschen oder „mā ma“ im chinesischen kann man tatsächlich gesprochen nicht unterscheiden.
Unser Sohn hat unseren kleinen Wettlauf einfach umgangen und ganz diplomatisch den Mittelweg gewählt. Schlaues Kerlchen!
Unbewusst hat er damit eine sehr chinesische Verhaltensweise an den Tag gelegt, die schon in Klassikern wie „Maß und Mitte“ (Originaltitel 中庸 zhōng yōng), einem Abschnitt im „Buch der Riten“ (礼记 lǐ jì ) ausführlich behandelt wird.
Die Rede ist hier von „goldenen Weg“, den es in der Deutschen Sprache auch und zwar als „goldene Mitte“ gibt.
Ein konfuzianischer Verhaltenskodex, der Extreme als den falschen und den Mittelweg als den richtigen Weg ansieht.
So entscheidet man sich nie für eine Seite, sondern versucht, in guter alter Tradition des Ying und Yang (阴阳 yīn yáng) in der Mitte zu bleiben und das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
Man könnte auch sagen: „Bleibt man nur schön in der Mitte, sieht jeder Abgrund kleiner aus“ (wie es im Liedtext zu „Kleine Schriite“ der Band „grau“ heisst).
Auch ich habe von meiner damaligen Chinesischlehrerin immer wieder gesagt bekommen, dass dieses Prinzip so weit in der chinesischen Kultur verankert ist, dass es im grossen Stil sogar die Sprache prägt, selbst wenn sich heute kaum noch jemand danach verhält.
Ein Umstand, den ich mir zunutze machen sollte beim HSK-Test (dem offiziellen Sprachtest für Chinesisch).
„Wenn Du Dir bei einer Multiple Choice Frage nicht sicher bist“, sagte sie immer „dann schau Dir die Antworten an. Eine direkte und eindeutige Antwort ist in jedem Fall falsch“. Und sie hatte natürlich Recht.
Eine Antwort im chinesischen ist in den seltensten Fällen eindeutig. Es heisst immer: „Auf der einen Seite“... bla, bla, bla „aber auf der anderen Seite“... bla, bla, bla.
Interessanterweise fängt auch eine Rüge immer mit dem Aufzählen der guten Dinge an, bevor man auf das eigentliche Thema kommt.
Bei einer Antwort weiss man oft gar nicht so genau ob der Gegenüber eine Sache jetzt befürwortet oder ablehnt.
Ich hatte es irgendwo anfangs dieses Blogs bereits erwähnt, dass es genau diese Ungenauigkeit ist, die viele ausländische Unternehmen dazu verleiten falsche Entscheidungen zu treffen.
Ein „Ja, wir können das“ bedeutet nicht in jedem Falle, dass die Gegenpartei es wirklich kann, oft ist es einfach Höflichkeit und eine Floskel um nicht das Gesicht zu verlieren.
Und es wird natürlich auch immer wieder gerne missbraucht um in der Geschäftswelt falsche Tatsachen glaubhaft zu machen (besonders wirkungsvoll bei ausländischen Geschäftspartnern, die nicht selten darauf hineinfallen).
Das ist definitiv etwas, an das man sich gewöhnen muss, wenn man im Reich der Mitte lebt, es umgibt einen tagtäglich.

Wo sind sie alle hin ?

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“. Sofort hat man Bilder des dritten Reichs und des Nationalsozialismus vor Augen, dabei beschreibt Heinrich Heine lediglich sein Heimweh und die Sehnsucht nach der Mutter, die in Deutschland ist und er seit 12 Jahren nicht mehr gesehen hat.
Ach ja, Deutschland... Kaum bin ich wieder hier, gehen mir viele Gedanken im Kopf herum:
Ich mache mir Gedanken darüber, dass wir irgendwann auch nach Deutschland ziehen wollen um unserem Sohn eine bezahlbare, gute Schulbildung zukommen zu lassen und dafür zu sorgen, dass er gesunde Luft zum atmen hat.
Darüber, dass in vielen Teilen Deutschlands, allen voran im Osten Rechtsextreme an Macht gewinnen und selbst staatliche Organisationen wie die Polizei teilweise unterwandert wurden.
Darüber, dass auf den Strassen ganz offen der Hitlergruß gezeigt wird und sich Mitarbeiter öffentlicher Medien inzwischen nur noch mit einem zivilem Sicherheitsschutzteam auf Trauerfeiern trauen, da sie der Polizei nicht mehr zutrauen sie entsprechend vor Ausschreitungen zu schützen.
Und dann wieder darüber, dass wir als „gemischte“ Familie dorthin ziehen wollen, obwohl die Vorurteile gegenüber Ausländern, wenn man den Medien glaubt, vielerorts rapide zunehmen.
War das schon immer so, oder „war früher alles besser ?“, um es mal mit dem altklugen Spruch zu sagen, den man an dieser oder ähnlichen Stellen immer wieder zu hören bekommt und auf den wir später noch zu sprechen kommen.
Nun, viele Deutsche haben offensichtlich Angst vor den neuen zugewanderten Ausländern und Andere (Ausländer wie Deutsche) haben Angst vor diesen Deutschen, die ihre Angst dann in Wut ausarten lassen.
Im Osten, den sogenannten neuen Bundesländern, mehr als im Westen. Man munkelt, dass das eventuell etwas mit der jahrelangen Aufarbeitung des deutschen Erbes in den alten Bundesländern zu tun haben könnte, etwas das in der ehemaligen DDR so nicht passiert ist. „Im Osten nichts Neues“ könnte man mit böser Zunge behaupten, Bezug nehmend auf den den Titel des Romans „Im Westen nichts Neues“ von dem deutschen Schriftsteller Erich Maria Remarque, der in ihm die Schrecken des ersten Weltkrieges schildert. Ein junger Soldat, der lernt zu überleben und sich damit immer weiter von der realen Welt entfernt. Dies fällt ihm bei einem kurzen Heimaturlaub auf, woraufhin er sich noch mehr zu den Kameraden wendet, mit denen er das Erlebte teilen kann.
Eine typisch menschliche Eigenart, man wendet sich an Gleichgesinnte, die einen in der eigenen Ansicht weiter bestärken um sich nicht mit anderen Sichtweisen auseinandersetzen zu müssen (auch hier wieder eine Parallele zum aktuellen Geschehen).
Am Ende stirbt der Protagonist an einem Tag zu dem der Heeresbericht lediglich die Worte „Im Westen nichts Neues“ zu vermelden hat.
Knapp 15 Jahre nach dem ersten Weltkrieg landet das Werk, neben vielen anderen bei den Nationalsozialisten auf dem „Scheiterhaufen“. Bei den Bücherverbrennungen wurde unliebsame Literatur den Flammen zum Frass geworfen, somit auch der Roman von Remarque.
Nicht populäres Gedankengut wurde bestenfalls ignoriert, in der Regel aber eben auch vernichtet.
Und die Nachfolger der heutigen Zeit tun es ihnen gleich. Erst einmal wird ignoriert.
Damit wir uns direkt richtig verstehen: Das Problem sind nicht ausschliesslich die Neonazis, die mit Bomberjacke und lautem Gegröle gegen fremde Religionen hetzen.
Genau wie damals ist das grosse Problem die breite Masse an Menschen, die sich als nicht zuständig ansieht, oder schlimmer noch: diejenigen die Meinungen vertreten wie „Na ja, ganz unrecht haben sie ja nicht“.
Kein Mensch hat jemals ganz unrecht. Aber wenn die Grundaussage grenzwertig oder sogar gefährlich ist, dann interessiert der ganze beiläufige Rest nicht mehr.
Niemand will wissen ob Adolf Hitler zu seinen Nichten und Neffen ein toller Onkel gewesen ist. Sein Name steht, neben anderem, für die systematische Judenvernichtung und den zweiten Weltkrieg. Selbst wenn er der Super-Vorzeige-Onkel gewesen sein sollte..
Und auch der Umstand, dass wir jetzt in Deutschland ein tolles Autobahnnetz haben, rechtfertigt in keinster Weise die Greueltaten, die damals begangen worden sind. Also lassen Sie sich bitte nicht mit leichten Ködern fangen.
Nicht die politisch engagierten machen solche schrecklichen Dinge möglich, sondern das Desinteresse der grossen Masse.
Amerikanischen Berichten zu Folge fanden die amerikanischen Soldaten, nach dem Sieg der Alliierten Streitkräfte über Deutschland, als sie in deutsches Gebiet vordrangen, anstatt der erwarteten Nazis bloss jede Menge Zivilbevölkerung.
Und genau diese breite Masse macht mir Angst. Sie lässt sich mit seichten Sprüchen verführen, greift selbst dann nicht ein, wenn abzusehen ist, was passieren wird und am Ende bezeichnet sie sich noch als Opfer.
Zugegeben, das trifft nicht auf alle Menschen zu, aber gibt weit mehr, als uns lieb sein kann. Heute, genau wie damals.
Bereits Dietrich Bonhoeffer, seineszeichens Theologe, der sich aktiv gegen den Nationalsozialismus engagiert hat, hat in seiner Schrift „Von der Dummheit“ bemerkt, dass von den Mitläufern eine ernsthafte Bedrohung ausgeht, da man sie nicht einfach wie die Übertäter bloßstellen kann.
Er sagte unter anderem: „Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden.“
Eine dunkle Ungewissheit die mich immer wieder einholt, wenn ich daran denke, dass wir mit Kind und Kegel ja eines Tages nach Deutschland kommen wollen.
Es zieht offensichtlich inzwischen immer mehr Deutsche ins „rechte Eck“. Und das macht mir ehrlich gesagt wirklich Sorgen.
Es hat gar nicht so lange gedauert, bis wir nach zwei Weltkriegen, Rassengesetzen und Massenvernichtungen wieder beim „das wird man ja wohl mal sagen dürfen“ angelangt sind.
„Früher war alles besser“? Stimmt das überhaupt ?
„Damals konnte man als Frau gefahrlos alleine auf der Strasse laufen“ ist ein gerne angeführtes Argument.
Aber auch das ist so nicht ganz richtig. Als Jüdin zum Beispiel konnte man damals nicht gefahrlos auf der Strasse laufen.
Und auch nicht wenn man homosexuell war oder politisch auf der „falschen“ Seite stand oder man Juden half oder bloss jemand den Verdacht geäussert hatte einer dieser Umstände würde auf einen zutreffen. Diese Aussage ist schlichtweg falsch.
Aber „die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel“, wie es so schön heisst. Worauf einige Leute antworten: „Der Grund warum früher alles besser war, ist in der Regel ein schlechtes Erinnerungsvermögen“.
Gehen wir mal ein paar Jahre zurück in meine Kindheit. Damals wurden wir mit dem „Wissen“ grossgezogen, dass „die Türken“ die Bösen seien, diejenigen vor denen man Angst haben müsste.
Und was hatte ich eine Angst. Tatsächlich gab es da ein paar Jungs in unserem Viertel die mir aufgelauert, ins Gesicht geschlagen und mir meinen neuen Kopfhörer abgenommen haben.
Wahrscheinlich hat man ihnen genau das gleiche erzählt wie mir, nur eben andersherum.
Das ist natürlich keine schöne Erfahrung, hat aber bei nüchterner Betrachtung nicht unbedingt etwas mit der Herkunft zu tun.
Die deutschen Rowdies, die als Strassenbande Kinder auf dem Weg zur Schule zusammengeschlagen haben, hatten zufälligerweise einen ihrer jüngeren Brüder in meiner Klasse.
Und der war immer froh darüber, wenn ich im Sportunterricht in der Schule in seinem Team war, da ich in unserer Klasse der schnellste Läufer war.
Auch eine Art ziviler Sicherheitsschutz. Auf jeden Fall hat es mich davor bewahrt von den deutschen Kinderkriminellen ausgeraubt zu werden.
Und heute ? Heute frage ich mich oft: Wo sind sie alle hin, die „bösen Türken“ ?
Ich weiss es nicht. Beim Ali in der Kneipe auf der Ecke habe ich sie nie gesehen. Auch beim Yüksel im Schnellimbiss sind sie nicht.
Weder im Zeitungsladen von Abdul noch im kleinen Supermarkt der Famile Aldemir sind sie zu finden.
Sie sind einfach weg. Oder sind sie vielleicht auch wie ich einfach zu ganz normalen Menschen geworden ? Oder waren sie es vielleicht auch schon vorher ?
Anstatt der „bösen Türken“, vor denen ich als Kind Angst hatte, finde ich heute türkischstämmige Deutsche in der Comedy oder auch im Bundestag, deren politische und kulturellen Sichtweisen ich mir bei so manchem „Ökodeutschen“ wünschen würde.
Sie zeigen, dass nicht das Verschweigen von kulturell bedingten Problemen, sondern der offene Dialog auf einer demokratischen Grundlage der Schlüssel zum Verbessern der Gesellschaft ist.
Und das macht mir Mut. Vor meiner Zeit waren es „die Italiener“, zu meiner Kindheit „die Türken“ und jetzt „irgendwelche Immigranten mit muslimischen Wurzeln“. Und alles wird glücklicherweise irgendwann einmal zur Normalität.
Dabei muss man natürlich auch ganz klar sagen, dass es hilft, wenn man die Menschen, vor denen man Angst hat auch einmal tatsächlich zu Gesicht bekommt, wie die Zahlen im bundesweiten Vergleich überdeutlich belegen.
Regionen in denen die Bevölkerung auch viele Zugewanderte aufweist, entpuppen sich tatsächlich als diejenigen, die am wenigsten Angst vor ihnen haben.
Ganz im Gegenteil: Hier wird Zuwanderung oft als kulturelle Bereicherung empfunden. Das beschreibt, neben einigen anderen Quellen auch, ein Artikel, den ich kürzlich gelesen habe. Ein Artikel, der mich wieder versöhnlich gestimmt hat.
In einer grossen, renommierten Wochenzeitung war die Rede davon, dass die Mehrheit der Deutschen eben nicht so denkt wie die Leute, die gerade immer wieder die Schlagzeilen füllen.
Interessanterweise glauben gerade Deutsche ohne Migrationshintergrund, dass die Zuwanderer Deutschland auf lange Sicht kulturell bereichern werden.
Schade, dass die Medien durch ihre Berichterstattung das Bild verzerrt haben, aber das liegt leider in der Natur der Sache. Schreckensmeldungen sind nun mal beliebter als „heile Welt Artikel“.
Das hat auch nichts mit „Lügenpresse“ zu tun, sondern mit der Fähigkeit zu erkennen, dass ein Abbild der Wirklichkeit, was ein Medienbericht ja nun mal ist, eben nur ein Abbild ist.
Es hat etwas damit zu tun zwischen den Zeilen lesen zu können und aus mehreren, unterschiedlichen Quellen einen Konsens zu ziehen, unter Berücksichtigung der Qualität und möglichen Interessen, die die Quellen selber haben könnten und es hat damit zu tun, zu erkennen, dass viele Berichte einfach nur kopiert sind, was eine einzelne Meinung wie die Meinung einer ganzen Masse aussehen lässt (das funktioniert übrigens auch in die andere Richtung).
Der entsprechende Schritt müsste also sein, mehr Medien und damit unterschiedliche Meinungen zuzulassen anstatt sich gegen sie abzuschotten.
Aber glücklicherweise denkt der Grossteil der deutschen Bevölkerung „normal“ und das macht mir natürlich wieder Mut, später mit meiner Familie dort hin zu ziehen, wo auch ich schon gross geworden bin.
Ich will nicht sagen, dass damit auf einen Schlag alle Probleme von Tisch seien, aber ich bin mir sicher, dass wir auch die Probleme mit den „bösen Deutschen“ irgendwie in den Griff kriegen werden.