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Die Leute.

Früher sind die Leute nicht, oder sagen wir: „in der Regel nicht", mit seltsamen Stoffmützen herumgelaufen, die wie ein schräg aufgesetzter Putzlappen aussahen.
Ich kann mich irren, aber ich glaube dieser Trend kommt von den Snowboardern, die ihre Wollmützen auch gerne mal im Sommer tragen wollten und so eine dünnere Version haben entstehen lassen.
Oder mit anderen Worten: ein absolut überflüssiges Produkt, ohne Nutzen.
Wer Kinder hat, kann dann im Nachhinein doch noch einen Nutzen aus diesem Kleidungsstück ziehen, sei es der Schutz vor Dreck, Zecken oder Durchzug, aber im ursprünglichen Kontext dürfte es recht nutzlos sein.
Früher gab es auch einige, wenige Leute die solche Mützen im Sommer getragen haben, aber die haben dann auch mit sich selber geredet.
Nun, auch diese Leute gibt es so nicht mehr. Oder besser gesagt: Sie fallen nicht mehr auf, da inzwischen jeder Zweite über irgendeine unsichtbare Sprecheinrichtung mit irgendwem in Kontakt zu sein scheint.
Als ich Kind war, lief bei uns immer eine Frau über eine Ampel an einer recht belebten Strasse.
Ich glaube, sie hat den halben Tag dort verbracht, ist bei jeder Grünphase einmal hin und einmal wieder zurück gelaufen und hat laut die Leute gezählt.
Sie hatte irgendein System, das ich nie wirklich verstanden habe. Einige Leute hat sie doppelt gezählt, andere gar nicht.
Ich glaube aber nicht, dass das Zufall war, dafür war sie zu ernst bei der Sache.
Und sie hat zu jedem irgendeinen Satz zum besten gegeben, von dem man bestenfalls zwei oder drei Wörter verstehen konnte.
Ich finde so ein Verhalten bis heute immer noch äusserst interessant.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte mich gar nicht über diese Leute lustig machen, vielmehr frage ich mich, warum sie so sind, wie sie eben sind und ob sie vielleicht nicht doch ein kleines Stück Wahrheit besitzen, das niemand sonst weiss und sie eigentlich diejenigen sind, die den Durchblick haben. ...man weiss ja nie...
Aber diese Leute laufen jetzt auch unter dem Radar. An jeder Ecke steht heute jemand und spricht mit einem unsichtbaren Gesprächspartner über die besten Methoden sein Vermögen zu investieren, die letzte Weihnachtsfeier bei der Paul mit Hanna auf dem Behindertenklo überrascht wurden, als sie ganz und gar nicht christliche Dinge vollzogen haben, oder über alte Hausmittelchen die todsicher bei Hühneraugen helfen und auch als Brotaufstrich zu gebrauchen sind.
Auch so ein Ding, das es früher nicht gab: Damals hat man sich, nachdem man umständlich drei Groschen aus seiner viel zu engen Jeanstasche geangelt hat, in einer nach Urin und Hartplastik riechenden Telefonzelle einen Platz zwischen Branntflecken und Kaugummiresten gesucht um sich anzulehnen, nur damit man ungestört und ohne dass es jemand anderes mitbekommt, telefonieren kann (Da soll nochmal einer sagen früher wäre nicht alles besser gewesen).
Heute muss ich gezwungenermassen, weil die junge Dame mit dem Bauchfrei-Top und der lila Leggins eine Lautstärke beim Telefonieren an den Tag legt, die jeden startenden Überschallflieger neidisch machen würde, mit 30 anderen Fahrgästen ihre Geschichten über Scheidenpilz und juckende Hämorrhoiden mit anhören, während sie sich einen undefinierbaren Kniest unter den Fingernägeln hervorknibbelt.
Naja, es ändert sich eben alles. Und ganz unter uns: Es wird weder besser, noch schlechter, einfach nur anders.
Ob es besser oder schlechter wird, hängt einfach vom Alter des Betrachters ab und wie anpassungsfähig er noch ist.
In jungen Jahren ist man noch bereit für seine Überzeugungen zu sterben, obwohl das niemals irgendjemand auch nur ansatzweise erwarten würde (oder um es in den richtigen Kontext zu packen: Den anderen Leuten ist diese Meinung einfach völlig egal. Wasauchimmer!).
Aber man selber ist ja so unendlich wichtig. Und überhaupt funktioniert alles ohne Führung wesentlich besser. Anarchie! Laissez-faire! usw.
Das ist eigentlich der klassische Kampf der Altersgruppen. Zwischen denen, die alles bereits besser gemacht haben als alle die noch kommen werden und denen, die alles noch viel besser machen werden.
Wobei die älteren Generationen eher konservativ und die jüngeren in der Regel revolutionell denken.
Und da sind wir dann auch endlich von Stöckchen über Hölzchen zu unserem eigentlichen Thema gekommen.
In China gibt es eine seltsame Konstellation, in der sich besagtes Phänomen genau anders herum offenbart.
Ich nenne es gerne „Reverse Anarchie".
Schuld daran ist (bzw. war) die Kulturrevolution in China.
Ich hatte es mindestens einmal kurz angerissen. Die jüngeren Generationen warten, dass die älteren endlich aussterben, damit wieder so etwas wie eine „normale Ordnung“ eintreten kann.
Okay, ich denke das müssen wir dem allgemeinen und unbedarften Leser etwas genauer erklären:
Zu Zeiten der Kulturrevolution in China wurden reiche Chinesen enteignet, Unternehmen und Landwirtschaftsbetriebe verstaatlicht und es gab eine, sagen wir mal „Säuberungsaktion“, der grosse Teile der Kultur und auch der sozialen Formen zum Opfer gefallen sind.
Kinder haben ihre Eltern als staatsfeindlich gemeldet, damit diese eingesperrt wurden.
Es würde zu weit führen und ich muss auch ganz ehrlich eingestehen, dass ich mich zu wenig mit dem Thema beschäftigt habe, um hier eine auch nur annähernd qualifizierte Aussage zu tätigen.
Aber fest steht, dass eine gewisse Generation (die Generation, die jetzt Grosseltern werden bzw. sind) sich im sozialen Umfeld oft aufführt wie die Axt im Walde.
Schule und Bildung waren verpöhnt und Umgangsformen oft auch, was bei etlichen Chinesen bis zum heutigen Tag Spuren hinterlassen hat.
Sollten Sie also einmal einer aufgebrachten Frau gehobenen Alters auf der Strasse in Beijing begegnen, lassen Sie sich auf gar keinen Fall mit hineinziehen (in was auch immer).
Diese renitenten Frauenzimmer haben es fastdick hinter den Ohren. Die schrecken auch nicht davor zurück mal Schläge auszuteilen.
Allerdings habe ich noch nicht gehört, dass sie auch Ausländern gegenüber handgreiflich geworden wären.
Wer einige Zeit in China verbringt, wird sie kennen (und wahrscheinlich nicht lieben). Aber sie gehören zu China wie ein Köbes (Kellner) in Köln auch nur echt ist, wenn er unverschämte Anspielungen bei der Bestellung macht und den Servicegedanken in einer, für Nicht-Einheimische, recht skurrilen Art auslebt.
Und eigentlich gibt es derartige Leute überall auf der Welt, wenn man mal ehrlich ist.
In diesem Sinne: „Prost“.

Buffer Overflow

Wer schon einmal auf chinesischen Webseiten war, egal ob auf den Seiten irgendwelcher Behörden, Einkaufsportalen oder irgend welchen anderen Seiten, der wird wahrscheinlich auch von der Fülle an Informationen erschlagen worden sein.
Man erleidet im übertragenden Sinne einen Buffer Overflow, so wie bei einem Computer, wenn über die eigentlichen Speicherplatzgrenzen hinaus geschrieben wird.
Es scheint fast so, als wolle man alle Informationen auf eine Seite packen um gar keine Unterseiten zu benutzen.
Schauen Sie sich einfach mal das Bild an: Ja, das ist nicht einfach Text das schwarze, jede Zeile ist ein Hyperlink.
Viele Leute haben ihre Meinung zu derartigen Webseiten bereits kund getan und es gibt sogar einige wissenschaftliche Arbeiten darüber, also fassen wir doch einmal kurz zusammen warum das eigentlich so ist:
Zuallererst fällt einmal auf, dass sich dieses Phänomen nicht bloss auf chinesische Webseiten bezieht.
Vielmehr findet man diesen Unterschied zwischen vielen asiatischen Webseiten, also chinesischen, japanischen und koreanischen (um nur ein paar zu nennen) und westlichen.
Die asiatischen folgen in grossen Teilen dem „überladenen“ Prinzip, während westliche Seiten (Europäische, Webseiten aus den USA und Australien) eher aufgeräumt und übersichtlich erscheinen.
„Warum fällt Australien jetzt in die Kathegorie westlich?“ werden Sie sich vielleich fragen.
Nun, das ist ganz einfach, denn der Grund warum sich die Webseiten so drastisch unterscheiden ist einfach ein kultureller.
Die westliche Kultur (aus Eropa kommend) hat sich weiter nach Nordamerika (USA) und auch Australien ausgebreitet und diese steht in vielen Dingen im krassen Gegensatz zur Asiatischen.
Dabei fällt schon im täglichen Leben in Asien auf, dass es überall für den gemeinen Europäer an Reizüberflutung grenzende Werbung gibt.
Die Strassen sind voll mit Schildern, Reklamen, Neonanzeigen, Laufschriften etc. Man kommt sich oft vor, als befände man sich mitten in einer Zeitung.
Im Restaurant genau das gleiche: Die Speisekarte gleicht einem Buch mit ihren vielen Einträgen.
Überall im täglichen, asiatischen Leben kann man ähnliche Phänomene erleben.
Es ist also nicht rein internetspeziefisch, sondern allgegenwärtig.
Und wo hat das ganze seinen Ursprung? Nun, Einige Forscher sind der Meinung, dass dies ein kultureller Unterschied ist, der die Denkweisen der Menschen über lange Zeiten beeinflusst hat.
Westler, um uns mal so zu nennen, denken demzufolge analytisch. Das heisst, sie konzentrieren sich auf einzelne Dinge und versuchen diesen so weit wie möglich auf den Grund zu gehen, während Asiaten holistisch denken, also Dinge in ihrem Umfeld sehen.
Als ich das zum ersten mal gehört habe, sind mir unzählige Ereignisse wieder in Erinnerung gekommen, die diese Sichtweise im alltäglichen Leben in China widerspiegeln.
Das Essen, das immer im Zusammenhang mit seiner medizinischen Wirkung, der Beschaffenheit, Farbe und in Beziehung zu den Gästen gesehen wird.
Oder die Wandlungsphasen aus dem yi jing, das wir in Artikel [[Alles in Bewegung]] besprochen haben, die sich ja nie im einzelnen, sondern immer nur im Zusammenhang mit den vorherigen, bzw. darauffolgenden Phasen beschreiben lassen.
Die Liste ist eigentlich unendlich, denn dies ist ein Prinzip, das die chinesische und auch andere asiatische Kulturen zu einem grossen Teil ausmacht.
Selbst in asiatischen Bildern gibt es oft keinen gezielten Fokus, wie in westlicher Malerei, sondern eine Vielzahl von Dingen, die gleichwertig nebeneinander die Aufmerksamkeit des Betrachters erfordern.
Somit ist es dann auch kein Wunder, dass Chinesen und andere Asiaten sich auf diesen, für unseren Geschmack überfrachteten Webseiten absolut Problemlos zurechtfinden können.
Denn wenn man sich die Zeit nimmt, sie einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, sind die meisten durchaus strukturiert und logisch aufgebaut, lediglich die Fülle von gleichzeitig angepriesenen Informationen schreckt den Uneingeweihten ab (abgesehen von den fremden Zeichen, die die meisten Menschen grundsätzlich überfordern).
Aber es ist, so wie es immer ist: Man betrachtet die Dinge durch seine eigene kulturelle Brille und bildet sich so sein Urteil.
Dementsprechend finde ich es immer noch anstrengend mich durch asiatische Webseiten zu arbeiten um dort hin zu kommen, wo ich eingetlich hin möchte, Sprachkenntnisse hin oder her.

Herzblut

Mit die interessantesten Momente erlebt man in einem, ich will ihn mal „leeren“ Zustand nennen.
Wenn man zum Beispiel eine Nacht lang exzessiv durchgefeiert und viel getrunken hat und dann früh morgens relativ benebelt und ausgelaugt die ersten Sonnenstrahlen in den Strassen hinter den Mülltonnen bewundert, wird man gewahr, dass es genau diese desolate körperliche Verfassung ist, die einen erst dazu befähigt, die Schönheit des Augenblicks zu erkennen.
Gleiches gilt für Schichtarbeiter, die nach einer Nacht in Neonlicht und Maschinenlärm hinaustreten in die Welt und sich nicht mehr als Teil von ihr begreifen, sondern nur noch als Zuschauer.
Beides sind Erlebnisse die mir auf Grund ihres sehr eigenen Charmes noch gut in Erinnerung sind.
Wer auch schon mal ein paar Jahre Schichtarbeit gemacht hat, kennt es bestimmt, das Gefühl nurnoch ein Schatten zu sein.
Man lebt zwar in der gleichen Welt wie die Leute denen man unterwegs auf dem Weg zur Arbeit begegnet, allerdings in einer alternativen Realität.
Man arbeitet wenn andere schlafen und schläft wenn andere wach sind.
Das führt oft zu einem sehr eigentümlichen Empfinden das man nur sehr schwer in Worte fassen kann.
Man fühlt sich in gewissem Maße unsichtbar, da man als „Zeitversetzter“ keine Interaktionsgrundlage zu all den anderen Leuten zu haben scheint.
Und genau dieses Erlebnis, das einerseits seltsam und skurril, auf der anderen Seite aber interessant und auch irgendwie schön (wie eine zarte Melancholie) ist, habe ich auch in China wiedererlebt.
Auch dort habe ich mich als Schatten durch den Alltag bewegt, in einer Welt lebend in der ich, ungeachtet von Sprachverständnis und sozialem Einfühlungsvermögen, immer fremd war und sein werde.
Nur in der Umgebung der neuen, chinesischen Familie, in die ich durch die Heirat mit meiner Frau eingetreten bin, konnte ich dieses Phänomen durchbrechen.
Alleine für mich auf dem Weg zur Arbeit war ich dann wieder ein Schatten.
Ich persönlich fand es gar nicht schlimm, habe es vielmehr genossen ein Aussenseiter zu sein und bilde mir ein, genau daduch eine geschärfte Wahrnehmung mein eigen nennen zu können, indem ich mich auf vermeintliche Kleinigkeiten konzentrieren und den eigentümlichen Hauch von kurzen Situationen, Mini-Auschnitten aus dem Alltagsleben, einfangen konnte.
Aber es zeigt wieder einmal deutlich, wie ich in mehreren Artikeln ja jetzt bereits berichtet habe, dass man als Ausländer nicht einfach in die chinesische Gesellschaft hineinwachsen kann.
Selbst wenn man selber meint dass das ginge, lassen die Chinesen es nicht zu. In ihren Augen geht so etwas eben einfach nicht und somit auch nicht für einen selber.
Es ist interessant, dass ich immer wieder auf dieses Thema zurückkomme und es zeigt mir, wie sehr ich es ursprünglich gehofft und gewollt hatte.
Im nachhinein sehe ich es aber nicht als gescheiterten Versuch an (oder zumindest nicht als etwas Schlimmes), sondern vielmehr als den korrekten Weg sich auf eine Kultur und eine Sprache einzustellen in der man, wenn auch nur für begrenzte Zeit, leben möchte.
Man sollte es mit Herzblut tun.
Interessanterweise gibt es die gleiche Redewendung auch im Chinesischen: 心血 (xīn xuè)
心 (xīn) = Herz und 血 (xuè) = Blut. 心血 (xīn xuè) = gewaltige Anstrengungen, grosse Mühe.
In diesem Sinne: Tun Sie alles was sie tun wollen mit Herzblut, oder wie es ein weiser Internetspruch unbekannter Herkunft sagt: „Was immer Du heute tust, mach es mit dem Selbstvertrauen eines Vierjährigen in einem Bat-Man-T-Shirt“.

Die grossen Leute verstehen nie etwas von selbst

Seit über einem Jahr leben wir nun in Deutschland.
Und der Kontakt nach China, den wir durch die Familienanbindung natürlich haben, gibt uns die Möglichkeit immer wieder Eigenarten und Begebenheiten in China und Deutschland miteinander zu vergleichen.
Heute widmen wir uns mal der Kindererziehung und insbesondere den Kindergärten, denn da gibt es aus deutscher Sicht einiges zu berichten.
Kurz vorab: das Schulsystem in China und somit auch schon der Kindergarten als Sprungbrett zu einer guten Schule ist ein hart umkämpfter Markt und Eltern geben teils unglaubliche Summen für einen Kindergartenplatz aus.
90.000 RMB Jahresbeitrag (das ist bereits billiger als wenn man monatlich zahlen würde) sind durchaus keine Seltenheit für eine typische Familie mittleren Einkommens (Das sind aktuell über 11.400 EUR) und nach oben ist wie immer alles offen.
Besonders beliebt sind Kindergärten, in denen es ausländische Lehrer gibt, damit die Sprösslinge schon so früh wie möglich Englisch aufschnappen können.
Der Kindergarten bestimmt schon, welche Schulen man eventuell besuchen kann und die Schulen bestimmen an welchen Universitäten man sich bewerben kann.
Die Universitäten wiederum können im hohen Maße bestimmen bei welchen Firmen man eventuell Aussicht auf eine Anstellung hat.
Es besteht also von Anfang an ein enormer Leistungsdruck, so wohl bei den Kindern, wie auch bei den Eltern. Das nur als Vorabinformation.
Somit ist es also auch keine Seltenheit dass die Kleinen bereits im Kindergarten Hausaufgaben aufbekommen.
Das können kleine Aufgaben sein, so wie das Ausmalen von Kreisen, Sternen und Rechtecken oder, wenn die Kinder etwas älter sind, auch schon mal kleinere physikalische Experimente.
Man sollte meinen dass so etwas im Kindergarten selber gemacht werden sollte und den Kindern etwas mehr Freiraum zum Spielen gewährt werden müsste, aber nicht so in China.
Ein Kindergartentag ist streng durchgeplant und wird von den Erziehern mal mehr, mal weniger liebevoll durchexerziert.
Dass den Kindern hier ein erheblicher Teil des für die Entwicklung so wichtigen Spielens fehlt ist natürlich allen klar.
Als Ausgleich dazu schickt man die Kleinen neben dem Kindergarten auch direkt noch in eine „Spiele Klasse“.
Was das sein soll? Nun, ein Unterricht, in dem man lernt wie man spielt. Ich habe hier ein paar Beispiele:
Es gibt den „Bewegungsunterricht“ (ganz platt übersetzt). Hier laufen die Kinden auf allen vieren, krabbeln durch Röhren, klettern etwas oder hüpfen.
Dabei rennt ihnen stets ein Lehrer hinterher der sie anfeuert und erklärt wie sie es besser machen können.
Also das was Kinder eigentlich sowieso tun: Springen, klettern, laufen.
Ein extremeres Beispiel für die Erziehung hin zur Unselbständigkeit kann es kaum geben sagen Sie? Warten Sie ab:
Es gibt eine Klasse um das Laufrad fahren zu lernen. Kein Witz.
Ich habe dafür mit meinem Sohn ein paar freie Nachmittage, etwas Enthusiasmus und seinen natürlichen Spieltrieb benötigt.
In China muss man dafür bereits wieder seinen Geldbeutel locker machen. Es scheint wirklich ein enormer Konkurrenzdruck, auch schon bereits bei Kindern in diesem Alter, auf der Gesellschaft zu liegen.
Seit geraumer Zeit spriessen auch Lego-Klassen wie Pilze aus dem Boden.
Lego ist ja eigentlich ein hervorragendes Spielzeug um die Kreativität zu fördern.
Allerdings muss man sie sich dafür auch entfalten lassen. Sprich: Einfach mal nichts tun, nicht intervenieren.
Die besagten Lego-Klassen tun natürlich alles andere als das.
Es werden aufwendige und komplizierte Gebilde wie historische Bauten, bekannte Automobilmarken oder ähnliches unter Anleitung präzise nachgebaut.
In einem Land in dem immer wieder moniert wird dass die jungen Leute keine Kreativität mitbringen und in vielen Unternehmen aus diesem Grund Ausländer bevorzugt eingestellt werden, sollte man doch meinen, dass man bei den folgenden Generationen genau dieses Manko versucht zu eleminieren.
Aber der Konkurrenzdruck ist offensichtlich so gross, dass Eltern wie vernarrt in messbare Ergebnisse des Lernfortschritts ihrer Kinder sind.
Und durch dieses Raster fällt Kreativität nun mal komplett durch.
Oder um es mit den Worten des kleinen Prinzen (von Antoine de Saint-Exupéry) zu sagen:
„Die grossen Leute verstehen nie etwas von selbst. Für die Kinder ist es zu mühsam, ihnen immer alles erklären zu müssen.“

Bitte nicht zu weit aus dem Fenster lehnen

Professionelle Fensterputzer im Innenstadtbereich
Ich denke ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte dass in China vieles anders ist als man es im Westen kennt.
Eigentlich sind es immer die alltäglichen Kleinigkeiten die die Unterschiede ausmachen, denn grundsätzlich streben Menschen ja alle nach den gleichen Dingen. Die Famile muss versorgt werden, die Kinder eine gute Ausbildung bekommen, es muss immer genug zu Essen auf dem Tisch sein und darüber hinaus soll das Leben natürlich auch nicht langweilig werden.
Aber die Herangehensweisen wie gewisse Dinge gehandhabt werden unterscheiden sich dann eben doch teilweise sehr voneinander.
Aber was erzähle ich Ihnen? Als geneigter Leser dieses Blogs wissen Sie das natürlich alles.
Ich habe seit einiger Zeit keinen Artikel mehr veröffentlicht, was nicht zwangsläufig daran liegt dass mir die Geschichten ausgehen seitdem ich wieder in Deutschland lebe (obwohl das tatsächlich die kleine Angst ist, die durch meinen Kopf geistert) sondern vielmehr dass ich einfach keine Zeit hatte mich hinzusetzen und etwas zu schreiben.
Ich fürchte dass das auch in der nahen Zukunft so sein wird. Es werden also nicht mehr Artikel in kurzen Abständen wie zur Anfangszeit erscheinen, sondern im Gegenteil die Wartezeiten zwischen ihnen zwangsläufig recht groß bleiben.
Wie auch immer, heute ist es wieder einmal an der Zeit eine kleine Anekdote aus dem Reich der Mitte mit Ihnen zu teilen:
Es geht um das Fensterputzen. Eine Beschäftigung die ich gewohnt war selber zu erledigen und die ich, so lange es ging immer vor mir hergeschoben habe bis die Fenster so dreckig waren das es keine Möglichkeit mehr gab darüber hinweg bzw. durch sie hindurch zu sehen.
In China wohnt man in den grossen Städten fast ausschliesslich in Hochhäusern und diese haben teils recht skurrile bauliche Eigenarten.
So kann man nicht immer alle Fenster öffnen und benötigt schon Spezialwerkzeug um an alle Scheiben von außen heranzukommen.
Wenn man einen Erker im Wohnzimmer hat, der rundum mit Fenstern ausgestattet ist, kommt man auch damit nicht viel weiter.
Um die Fenster "um die Ecke" zu putzen muss man zwangsläufig irgendwie nach draussen und um den Erker herum klettern.
Man bestellt also einen Fensterputzer, was ohnehin nichts besonders darstellt, da man Dienstleistungen jeglicher Art in China wesentlich billiger bekommt als in Deutschland und die Menschen diese auch wesentlich häufiger in Anspruch nehmen als bei uns.
Ich weiß gar nicht mehr in welchem Stockwerk wir wohnten als wir das erste mal einen Fensterputzer bestellt haben, aber es war definitiv 10 oder höher.
Ich bin also davon ausgegangen dass ein paar junge Männer vorbeikommen, die sich mit ihrem Sicherheitsgeschirr am Fenster festmachen. Einer drinnen zur Sicherung, einer aussen, so wie man sich das eben als typischer Europäer vorstellt, oder man es schon zigfach an den Bürogebäuden im Innenstadtbereich gesehen hat.
Was dann kam war alles andere als das: Eine Frau, ich schätze sie so Mitte 50, die lediglich mit einem Eimer, Putzmittel und ein paar Tüchern bewaffnet aus dem Fenster geklettert ist und sich krampfhaft an den kleinen vorstehenden Kanten der Fensterrahmen mit einer Hand in der kalten Herbstluft festgehalten hat, während sie frei schwebend über den Anwohnerparkplätzen mit der anderen die Scheiben gewischt hat.
Mir ist beim bloßen Zugucken der Angstschweiß auf die Stirn getreten.
Es ist ja kein Geheimnis daß es viele Menschen in China gibt, aber das ist doch noch kein Grund den Tod dermaßen herauszufordern.
Aber das was bei uns sämtliche Gewerkschaften, Arbeitsrechtler und andere auf die Barrikaden bringen würde ist in China ganz normal.
Definitiv nichts für zartbesaitete Menschen. Und auch ich musste mir auf die Lippe beißen und habe mir immer wieder gedacht: "Bitte nicht zu weit aus dem Fenster lehnen".