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Die Leute.

Früher sind die Leute nicht, oder sagen wir: „in der Regel nicht", mit seltsamen Stoffmützen herumgelaufen, die wie ein schräg aufgesetzter Putzlappen aussahen.
Ich kann mich irren, aber ich glaube dieser Trend kommt von den Snowboardern, die ihre Wollmützen auch gerne mal im Sommer tragen wollten und so eine dünnere Version haben entstehen lassen.
Oder mit anderen Worten: ein absolut überflüssiges Produkt, ohne Nutzen.
Wer Kinder hat, kann dann im Nachhinein doch noch einen Nutzen aus diesem Kleidungsstück ziehen, sei es der Schutz vor Dreck, Zecken oder Durchzug, aber im ursprünglichen Kontext dürfte es recht nutzlos sein.
Früher gab es auch einige, wenige Leute die solche Mützen im Sommer getragen haben, aber die haben dann auch mit sich selber geredet.
Nun, auch diese Leute gibt es so nicht mehr. Oder besser gesagt: Sie fallen nicht mehr auf, da inzwischen jeder Zweite über irgendeine unsichtbare Sprecheinrichtung mit irgendwem in Kontakt zu sein scheint.
Als ich Kind war, lief bei uns immer eine Frau über eine Ampel an einer recht belebten Strasse.
Ich glaube, sie hat den halben Tag dort verbracht, ist bei jeder Grünphase einmal hin und einmal wieder zurück gelaufen und hat laut die Leute gezählt.
Sie hatte irgendein System, das ich nie wirklich verstanden habe. Einige Leute hat sie doppelt gezählt, andere gar nicht.
Ich glaube aber nicht, dass das Zufall war, dafür war sie zu ernst bei der Sache.
Und sie hat zu jedem irgendeinen Satz zum besten gegeben, von dem man bestenfalls zwei oder drei Wörter verstehen konnte.
Ich finde so ein Verhalten bis heute immer noch äusserst interessant.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte mich gar nicht über diese Leute lustig machen, vielmehr frage ich mich, warum sie so sind, wie sie eben sind und ob sie vielleicht nicht doch ein kleines Stück Wahrheit besitzen, das niemand sonst weiss und sie eigentlich diejenigen sind, die den Durchblick haben. ...man weiss ja nie...
Aber diese Leute laufen jetzt auch unter dem Radar. An jeder Ecke steht heute jemand und spricht mit einem unsichtbaren Gesprächspartner über die besten Methoden sein Vermögen zu investieren, die letzte Weihnachtsfeier bei der Paul mit Hanna auf dem Behindertenklo überrascht wurden, als sie ganz und gar nicht christliche Dinge vollzogen haben, oder über alte Hausmittelchen die todsicher bei Hühneraugen helfen und auch als Brotaufstrich zu gebrauchen sind.
Auch so ein Ding, das es früher nicht gab: Damals hat man sich, nachdem man umständlich drei Groschen aus seiner viel zu engen Jeanstasche geangelt hat, in einer nach Urin und Hartplastik riechenden Telefonzelle einen Platz zwischen Branntflecken und Kaugummiresten gesucht um sich anzulehnen, nur damit man ungestört und ohne dass es jemand anderes mitbekommt, telefonieren kann (Da soll nochmal einer sagen früher wäre nicht alles besser gewesen).
Heute muss ich gezwungenermassen, weil die junge Dame mit dem Bauchfrei-Top und der lila Leggins eine Lautstärke beim Telefonieren an den Tag legt, die jeden startenden Überschallflieger neidisch machen würde, mit 30 anderen Fahrgästen ihre Geschichten über Scheidenpilz und juckende Hämorrhoiden mit anhören, während sie sich einen undefinierbaren Kniest unter den Fingernägeln hervorknibbelt.
Naja, es ändert sich eben alles. Und ganz unter uns: Es wird weder besser, noch schlechter, einfach nur anders.
Ob es besser oder schlechter wird, hängt einfach vom Alter des Betrachters ab und wie anpassungsfähig er noch ist.
In jungen Jahren ist man noch bereit für seine Überzeugungen zu sterben, obwohl das niemals irgendjemand auch nur ansatzweise erwarten würde (oder um es in den richtigen Kontext zu packen: Den anderen Leuten ist diese Meinung einfach völlig egal. Wasauchimmer!).
Aber man selber ist ja so unendlich wichtig. Und überhaupt funktioniert alles ohne Führung wesentlich besser. Anarchie! Laissez-faire! usw.
Das ist eigentlich der klassische Kampf der Altersgruppen. Zwischen denen, die alles bereits besser gemacht haben als alle die noch kommen werden und denen, die alles noch viel besser machen werden.
Wobei die älteren Generationen eher konservativ und die jüngeren in der Regel revolutionell denken.
Und da sind wir dann auch endlich von Stöckchen über Hölzchen zu unserem eigentlichen Thema gekommen.
In China gibt es eine seltsame Konstellation, in der sich besagtes Phänomen genau anders herum offenbart.
Ich nenne es gerne „Reverse Anarchie".
Schuld daran ist (bzw. war) die Kulturrevolution in China.
Ich hatte es mindestens einmal kurz angerissen. Die jüngeren Generationen warten, dass die älteren endlich aussterben, damit wieder so etwas wie eine „normale Ordnung“ eintreten kann.
Okay, ich denke das müssen wir dem allgemeinen und unbedarften Leser etwas genauer erklären:
Zu Zeiten der Kulturrevolution in China wurden reiche Chinesen enteignet, Unternehmen und Landwirtschaftsbetriebe verstaatlicht und es gab eine, sagen wir mal „Säuberungsaktion“, der grosse Teile der Kultur und auch der sozialen Formen zum Opfer gefallen sind.
Kinder haben ihre Eltern als staatsfeindlich gemeldet, damit diese eingesperrt wurden.
Es würde zu weit führen und ich muss auch ganz ehrlich eingestehen, dass ich mich zu wenig mit dem Thema beschäftigt habe, um hier eine auch nur annähernd qualifizierte Aussage zu tätigen.
Aber fest steht, dass eine gewisse Generation (die Generation, die jetzt Grosseltern werden bzw. sind) sich im sozialen Umfeld oft aufführt wie die Axt im Walde.
Schule und Bildung waren verpöhnt und Umgangsformen oft auch, was bei etlichen Chinesen bis zum heutigen Tag Spuren hinterlassen hat.
Sollten Sie also einmal einer aufgebrachten Frau gehobenen Alters auf der Strasse in Beijing begegnen, lassen Sie sich auf gar keinen Fall mit hineinziehen (in was auch immer).
Diese renitenten Frauenzimmer haben es fastdick hinter den Ohren. Die schrecken auch nicht davor zurück mal Schläge auszuteilen.
Allerdings habe ich noch nicht gehört, dass sie auch Ausländern gegenüber handgreiflich geworden wären.
Wer einige Zeit in China verbringt, wird sie kennen (und wahrscheinlich nicht lieben). Aber sie gehören zu China wie ein Köbes (Kellner) in Köln auch nur echt ist, wenn er unverschämte Anspielungen bei der Bestellung macht und den Servicegedanken in einer, für Nicht-Einheimische, recht skurrilen Art auslebt.
Und eigentlich gibt es derartige Leute überall auf der Welt, wenn man mal ehrlich ist.
In diesem Sinne: „Prost“.

Wuhan (武汉 Wǔhàn)

Im Schlafzug (Bild 1) in 11 Stunden von Beijing nach Wuhan (武汉 Wǔhàn) (ja, genau. Das Wuhan wo das Coronavirus seine Wurzeln hat).
In den alten Klamotten geschlafen, es sind wieder 40 Grad im Schatten und morgens bei der Ankunft ist das Hotelzimmer noch nicht frei.
Wir machen uns auf den Weg um Dinge zu erledigen und mein Poloshirt riecht inzwischen wie die hintere Ecke eines Käfigs den ein geschlechtsreifer Puma zur Brunftzeit bewohnt.
Nachmittags dann endlich Einzug in die gemieteten vier Wände einer amerikanischen Hotelgruppe, die auch die Räume, die nur einen klitzekleinen Teil des Flusses am Rande des Fensters erahnen lassen, als „Riverview“ anpreisen.
Wir mussten nochmal umbuchen, denn der Blick auf den Fluss ist wirklich atemberaubend (Video 1), ähnlich wie mein Poloshirt, das ich dann endlich wechseln konnte.
Hier in Wuhan gibt es weniger Ausländer als in Beijing und man wird öfters schon mal angestarrt.
Unser Sohn hingegen, wird behandelt wie ein Superstar.
Aussicht aus dem Hotel in Wuhan (武汉 Wǔhàn).
Chinesen lieben sogenannte „Mixedblood“, also Kinder deren erster Elternteil asiatisch (im besten Fall chinesisch) und der zweite Elternteil Ausländer ist (im besten Fall Europäer).
Auch mit den Ladies scheint es zu laufen. Mädchen und Frauen aller Altersklassen scheinen ihm zu Füssen zu liegen und können mit Komplimenten nicht an sich halten.
Abends mit dem Sohn in die Outdoor Schwimmlandschaft mit Rutschen, Wasserkanonen und jeder Menge Spass.
Nachdem es dunkel geworden ist und die Hotels ihre Lichtershow veranstalten, müssen wir dann auch mal wieder gehen.
Bis auf ein paar aufdringliche Blicke und Getuschel alles gut so weit, alle höflich.
Aber einen Bauern gibt es unter den Leuten immer, entweder jemand der in der feinen Hotellobby unter lautem röcheln und stöhnen in den Mülleimer spuckt, oder jemand der ungeniert im vollbesetzten Restaurant mit seinen Fürzen den allgemeinen Lautstärkepegel noch zu übertönen weiss oder, wie hier, jemand der mit runtergelassenen Hosen, unter der Gruppendusche im Schwimmbad und im hohen Bogen, mehr oder weniger zielgenau, in den mittig im Raum liegenden Gulli pinkelt.
Schamgefühl offensichtlich nicht vorhanden und ich frage mich ob ich ihn bewundern oder bemitleiden soll.
过早 (guò zǎo) bedeutet „frühstücken“ im lokalen Dialekt in Wuhan, anstatt 吃早饭 (chī zǎo fàn) wie es auf Hochchinesisch heissen würde.
Und auch hier gibt es wieder lokale Spezialitäten:
Ich empfehle: 热干面 (rè gān miàn) (Bild 2 in der Mitte): Nudeln die mal nicht in einer Suppe schwimmen mit einer braunen Soße.
汤粉 (tāng fěn) (Bild 2 rechts daneben): Reisnudeln in Brühe (wer mehr über Nudelgerichte in China erfahren möchte schaut einfach mal hier in dem Artikel [[Von Angesicht zu Nudel]]).
三鲜豆皮 (sān xiān dòu pí) (Bild 2 links unten): Tofuhaut mit Allerlei, eigentlich ein Gericht in dem die Überbleibsel des Vortages verwurstet werden.
烧卖 (shāo mài) (Bild 2 links oben): eine kleine, offene Teigtasche.
小笼包 (xiǎo lóng bāo) heissen genau so wie die mit Fleisch und Brühe gefüllten Teigtaschen in Shanghai (siehe Artikel [[China light]]), diese hier ähneln aber eher kleinen 包子 (bāo zi) (siehe Artikel [[Herrgottsbscheißerle]]).
Und last but not least 茶叶蛋 (chá yè dàn) die Tee-Eier, die es überall in China gibt und wir in Artikel [[Ölnudeln]] einmal kurz angesprochen hatten.
Dazu 豆浆 (dòu jiāng) (Bild 2 mitte, oben): Der Sojadrink (siehe Artikel [[Zauberbohnen]]).
Und dann sind da natürlich all die Sehenswürdigkeiten in Wuhan:
Zum Beispiel der Qingchuan Pavillon (晴川阁 qíng chuān gé) (Bild 3), der Yu dem grossen (大禹 dà yǔ) gewidmet ist.
Yu der grosse (大禹, Dà Yǔ) war ein mythischer Kaiser, das heisst, man ist sich nicht sicher ob es ihn wirklich gab, da Geschichten um ihn erst sehr viel später auftauchen.
Die berühmteste Legende über ihn dürfte die des Flutmythos sein, in der er das Land vor einer Überschwemmung rettet.
Oder der Guiyuan Tempel (归元禅寺 guī yuán chán sì), eine buddhistische Tempelanlage mit alten und neuen Sehenswürdigkeiten und jeder Menge kleiner Läden für übernatürlichen Schnickschnack.
Ich habe jetzt auch einen Schlüsselanhänger für den Autoschlüssel in dem angeblich ein Mantra enthalten ist.
Und er ist darüber hinaus noch auf mein chinesisches Sternzeichen zugeschnitten. Jetzt kann ja wirklich nichts mehr schief gehen.
Nicht zu vergessen das Museum der Provinz Hubei (湖北省博物馆 hú běi shěng bó wù guǎn).
Hier kann man allerlei alte Fundstücke aus verschiedenen Dynastien finden.
Gefässe, Malereien (und die hier ausgestellten alten Tuschezeichnungen sind um Längen besser als die im National Art Museum (中国美术馆 zhōng guó měi shù guǎn) in Beijing) und als Höhepunkt das sagenumwobene Schwert von Goujian.
Eine Fahrt auf dem Fluss haben wir auch gemacht und wieder einmal die beleuchteten Wolkenkratzer bestaunt (Hatten wir im Artikel [[Kleinstadt?]] ja auch schon. Scheint ein neuer Trend in China zu sein).
Im Gegensatz zu Tianjin (天津 tiān jīn) ist hier aber alles etwas grösser.
In heissen Gegenden haben Leute oft die Angewohnheit die Klimaanlage im Hotel oder im Auto dermassen kalt einzustellen, dass man sich leicht erkältet.
So ist es mir dann auch ergangen. Es ging mir gar nicht gut.
Mal abgesehen davon dass ich beim erklimmen der Kranichpagode (黄鹤楼 huáng hè lóu) (Bild 4) ohnehin in der Hitze ziemlich ausser Puste gekommen bin (Ich bin einfach zu fett und heisses Wetter habe ich noch nie gemocht).
Ganz plötzlich also Fieber und Kopfschmerzen.
Zuerst dachte ich, ich hätte mir in Wuhan das Corona Virus geholt. Das wäre es echt noch gewesen.
Aber auch eine Erkältung mit Magenverstimmung ist in der Hitze alles andere als schön.
Wobei Erkältung wahrscheinlich auch schon übertrieben ist.
Nach zwei Tagen war alles wieder fast normal. Vermutlich nur Überanstrengung und Hitze.
Wie auch immer.
Zurück nach Beijing mit dem Bullettrain in knapp drei Stunden. Kinder zahlen nichts, bekommen aber auch keinen eigenen Sitzplatz, was für einen verwöhnten, kleinen deutschen Jungen, wie unseren Sohn, durchaus eine mittelschwere Katastrophe ist, die die drei Stunden Fahrt lang immer und immer wieder zur Sprache gebracht werden muss (Wer Kinder hat, wird es verstehen).

Herzblut

Mit die interessantesten Momente erlebt man in einem, ich will ihn mal „leeren“ Zustand nennen.
Wenn man zum Beispiel eine Nacht lang exzessiv durchgefeiert und viel getrunken hat und dann früh morgens relativ benebelt und ausgelaugt die ersten Sonnenstrahlen in den Strassen hinter den Mülltonnen bewundert, wird man gewahr, dass es genau diese desolate körperliche Verfassung ist, die einen erst dazu befähigt, die Schönheit des Augenblicks zu erkennen.
Gleiches gilt für Schichtarbeiter, die nach einer Nacht in Neonlicht und Maschinenlärm hinaustreten in die Welt und sich nicht mehr als Teil von ihr begreifen, sondern nur noch als Zuschauer.
Beides sind Erlebnisse die mir auf Grund ihres sehr eigenen Charmes noch gut in Erinnerung sind.
Wer auch schon mal ein paar Jahre Schichtarbeit gemacht hat, kennt es bestimmt, das Gefühl nurnoch ein Schatten zu sein.
Man lebt zwar in der gleichen Welt wie die Leute denen man unterwegs auf dem Weg zur Arbeit begegnet, allerdings in einer alternativen Realität.
Man arbeitet wenn andere schlafen und schläft wenn andere wach sind.
Das führt oft zu einem sehr eigentümlichen Empfinden das man nur sehr schwer in Worte fassen kann.
Man fühlt sich in gewissem Maße unsichtbar, da man als „Zeitversetzter“ keine Interaktionsgrundlage zu all den anderen Leuten zu haben scheint.
Und genau dieses Erlebnis, das einerseits seltsam und skurril, auf der anderen Seite aber interessant und auch irgendwie schön (wie eine zarte Melancholie) ist, habe ich auch in China wiedererlebt.
Auch dort habe ich mich als Schatten durch den Alltag bewegt, in einer Welt lebend in der ich, ungeachtet von Sprachverständnis und sozialem Einfühlungsvermögen, immer fremd war und sein werde.
Nur in der Umgebung der neuen, chinesischen Familie, in die ich durch die Heirat mit meiner Frau eingetreten bin, konnte ich dieses Phänomen durchbrechen.
Alleine für mich auf dem Weg zur Arbeit war ich dann wieder ein Schatten.
Ich persönlich fand es gar nicht schlimm, habe es vielmehr genossen ein Aussenseiter zu sein und bilde mir ein, genau daduch eine geschärfte Wahrnehmung mein eigen nennen zu können, indem ich mich auf vermeintliche Kleinigkeiten konzentrieren und den eigentümlichen Hauch von kurzen Situationen, Mini-Auschnitten aus dem Alltagsleben, einfangen konnte.
Aber es zeigt wieder einmal deutlich, wie ich in mehreren Artikeln ja jetzt bereits berichtet habe, dass man als Ausländer nicht einfach in die chinesische Gesellschaft hineinwachsen kann.
Selbst wenn man selber meint dass das ginge, lassen die Chinesen es nicht zu. In ihren Augen geht so etwas eben einfach nicht und somit auch nicht für einen selber.
Es ist interessant, dass ich immer wieder auf dieses Thema zurückkomme und es zeigt mir, wie sehr ich es ursprünglich gehofft und gewollt hatte.
Im nachhinein sehe ich es aber nicht als gescheiterten Versuch an (oder zumindest nicht als etwas Schlimmes), sondern vielmehr als den korrekten Weg sich auf eine Kultur und eine Sprache einzustellen in der man, wenn auch nur für begrenzte Zeit, leben möchte.
Man sollte es mit Herzblut tun.
Interessanterweise gibt es die gleiche Redewendung auch im Chinesischen: 心血 (xīn xuè)
心 (xīn) = Herz und 血 (xuè) = Blut. 心血 (xīn xuè) = gewaltige Anstrengungen, grosse Mühe.
In diesem Sinne: Tun Sie alles was sie tun wollen mit Herzblut, oder wie es ein weiser Internetspruch unbekannter Herkunft sagt: „Was immer Du heute tust, mach es mit dem Selbstvertrauen eines Vierjährigen in einem Bat-Man-T-Shirt“.

Eine Geste sagt mehr als tausend Worte

Eine gängige Aussage, der jeder gute Autor zu Recht sofort widersprechen würde.
Was kann man nicht alles in 1000 gut gewählten Worten ausdrücken. Wer tatsächlich glaubt, dass eine Geste auch nur annähernd das ausdrücken könnte was die Wörter können, der liest offenbar nicht viel.
Es handelt sich hier natürlich wieder einmal um eine Vereinfachung, die den Sinn nur sinngemäß wiedergibt, aber eigentlich falsch formuliert ist.
Es müsste eigentlich heissen: „Eine Geste kann in bestimmten Situationen einfacher und vor allen Dingen schneller ausdrücken was wir meinen als Worte, wenn der Gegenüber den Kontext versteht und die Geste mehr oder weniger eindeutig ist.“
Aber wir alle wissen was gemeint ist, deshalb ist es eigentlich unnötig hier Haarspalterei zu betreiben, aber ich wollte es trotzdem einmal gesagt haben. :-)

Kinder checken in regelmäßigen Abständen ihre Grenzen ab und testen wie weit sie gehen können.
Das sind die sogenannten Pflegelpfasen. Ich bin mir nicht sicher wie viele es davon gibt, aber ich weiss inzwischen mit Sicherheit, dass sie immer schlimmer werden von Mal zu Mal.
Man kann versuchen ein moderner und aufgeschlossener Erzieher zu sein, erklären statt bestrafen usw. (und das sollte man natürlich auch), aber manchmal ist es schon ein erzieherischer Erfolg, wenn man dem Drang widersteht, die Quälgeister einfach zu verkaufen.
Aber wie auch immer, da muss man dann durch. „Warum hast Du das jetzt gemacht?“, „Glaubst Du dass das eine gute Idee war?“.
Die Annäherungsversuche der Eltern muten stets plump an im Verglkeich zu den teilweise wirklich kreativen Ausreden der Sprösslinge.
Unser Wonneproppen kann inzwischen in jeder Situation erklären warum alle anderen Schuld sind nur er selber nicht, selbst wenn er zweifelsfrei ohne jedweden Einfluss von aussen etwas verbockt hat.
Und er macht einiges was nicht unbedingt gern gesehen ist. Er ist leider, genau wie sein Vater in jungen Jahren, sehr wild und dabei geht hier und da schon mal was zu Bruch.
Man könnte das spätes Karma dem Vater gegenüber nennen, aber das würde uns wieder zu weit in asiatische Glaubenskonzepte abdriften lassen.
Ich staune bei meinem Sohn immer wieder über die Bereitwilligkeit die eigene Unversehrtheit aufs Spiel zu setzen, nur um die Welt mal aus einem anderen Blickwinkel zu erleben, wohl wissend, dass das bei mir früher genau so war.
Der Affe fällt nunmal nicht weit vom Stamm.
Viele Eltern sagen dass ihre Kinder Engel sind, allerdings nur wenn sie schlafen und ich kann durchaus verstehen was sie meinen, aber ich muss einwerfen, dass es noch eine Situation gibt in der unser Sohn regelmäßig ein Engel ist.
Und das ist beim Vorlesen. Er liebt es Geschichten zu hören und wenn sie gut waren auch immer wieder.
Er hat inzwischen mehr Bücher als ich, da meine Frau ständig welche aus China importiert.
Da kann ich beim Kauf von deutschen Kinderbüchern kaum mithalten, alleine schon weil Bücher in Deutschland auf Grund der Buchpreisbindung wesentlich teurer sind als chinesische, aber ich tue mein Bestes.
Wir möchten dass er so viele Geschichten wie möglich aus beiden Kulturkreisen kennenlernt und die Liebe zu Büchern halten wir für sehr zukunftsweisend, da die gesamte menschliche Kultur darauf aufgebaut ist.
Lesen bildet und man kann gar nicht früh genug damit anfangen.
In unserem Fall bedeutet das, ihm Lust auf Geschichten zu machen indem wir ihm viel vorlesen.
Und das ganze entwickelt natürlich auch eine Eigendynamik. Je mehr unser Sohn durch die Bücher von der Welt erfährt, desto mehr erfahren auch wir über die Geschichten und Denkweisen aus der jeweiligen anderen Kultur.
Es ist also, wenn man so will, eine win-win-win-Situation.
Durch lesen kann man sich langsam aber sicher ein immer besseres Bild der Welt machen.
Jeder sollte so viel wie möglich lesen, auch wenn Georg Christoph Lichtenberg angeblich behauptete: „Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.“
Denn obwohl das natürlich erst einmal richtig ist, verschweigt es auch wieder Hälfte.
Der gerade vom Baum gefallene Affe kann nämlich mit jedem Buch das er liest, seinen Horizont erweitern und sich immer weiter vom Affe sein entfernen.
Es ist also sehr wohl möglich, dass eines Tages ein Apostel herausschaut, nur eben nicht sofort.
In diesem Sinne verabschiede ich mich wieder und frage ganz bescheiden: „Welches Buch lesen Sie gerade?“

Opa ist gestaubt

Ich kann mich noch daran erinnern wie ich mit meinem Sohn durch den Wald gegangen bin und er gefragt hat, was eigentlich mit den toten Mistkäfern und den, von den Vögeln halb tot liegen gelassenen Regenwürmern passiert.
Ich habe es mit dem Modell der Jahreszeiten verglichen. Blätter die im Herbst von den Bäumen fallen, werden zu den kleinen Häufchen aus Schnitzelchen, die am Wegrand liegen bis sie immer kleiner und zu Staub werden und irgendwann zu Erde.
Genau so passiert es auch mit den Tieren und den Menschen.
Als mein Vater gestorben ist, haben wir ihm beigebracht, dass man bei einem Menschen der gestorben ist nicht sagt "Er ist kaputt gegangen", sondern eben „Er ist gestorben“.
Er hat das ganze auf genial kindliche Art und Weise kombiniert und sagt seitdem „Opa ist gestaubt“.
Ich finde das ist eine sehr treffende Feststellung und bin mir sicher dass diese die deutsche Sprache durchaus positiv bereichern würde.
Gestorben wird in China genauso wie in Deutschland auch (Das wäre ja auch seltsam, wenn nicht).
Aber der Totenkult ist dann doch ein wenig anders.
In ein paar Artikeln habe ich ja bereits vom Totengeld berichtet, das an Strassenrändern verbrannt wird um den Ahnen zu gedenken und vom Qingming Fest (清明节 qīng míng jié) (In den Artikeln [[Wozu brauchen Tote Geld ?]] bzw. [[Frühling und Tod]]).
Heute wollen wir ganz kurz die ganze Sache aus der Geistersicht betrachten.
Geister sind Tote, die sich in die Welt der Lebenden verirrt haben. Es gibt, wie bei den Lebenden auch Gute und Böse unter ihnen. Und die Bösen möchte man natürlich nicht in seinem Haus haben.
Aus diesem Grund zeigen die Eingänge zu den alten Wohneinheiten in den alten Stadtvierteln klassischerweise nach Süden.
Denn aus dem Norden kommen angeblich die bösen Geister.
Aber auch ohne diese hat es in früheren Zeiten Sinn gemacht den Eingang am Südende des Hauses zu platzieren, denn aus dem Norden kommt (neben unheimlichen Gestalten die eigentlich in die Unterwelt gehören) auch die Kälte in Form von Winterstürmen, die ständig mal mehr, mal weniger durch die verstaubten Strassen wüten und Beijing auch heute noch zu einem sehr unangenehmen Ort machen können, wenn man sich zu lange draussen aufhält.
Heutzutage sind viele der kleinen Wohneinheiten in den alten Stadtvierteln umgebaut und teilweise auf mehrere Besitzer aufgeteilt worden, was dazu geführt hat, dass sich Eingänge nicht nur Richtung Süden befinden, sondern überall.
Ebenso wird dieses Prinzip nicht bei allen Neubauten eingehalten. Nur Bauherren die der Fengshui Lehre (风水 fēng shuǐ) folgen tun dies noch um für ein gutes Karma zu sorgen.
Und wenn sich doch ein Geist mal derart verirren sollte und vor der Türe steht, gab es im alten China noch einen Trick um sie am eintreten zu hindern:
Eine hohe Türschwelle. Man kann sie nicht nur in Templen, Palästen und anderen offiziellen Gebäuden finden, sondern eben auch bei ganz normalen Wohneinheiten aus früheren Tagen.
Hintergrund ist die Annahme dass bösen Menschen, wenn sie sterben die Kniescheiben entfernt werden und sie somit nicht mehr die Beine anheben können um über die Schwelle zu steigen.
Wer immer geglaubt hat, dass nur deutsche Märchen blutrünstig seien, kann sich bei den Chinesen informieren und sich hier auch eine Scheibe (eine Kniescheibe) abschneiden.
Ein weiterer Trick, böse Geister fernzuhalten sind Brücken, die im Zickzackverlauf gebaut wurden. Diese findet man oft in öffentlichen, so wie privaten chinesischen Gärten.
Angeblich können böse Geister nämlich nur geradeaus gehen und sie somit nicht überqueren.
Es gibt allerdings noch eine andere Erklärung warum diese Brücken genau in dieser Art und Weise geformt sind und die kommt aus dem Zen-Buddhismus (禅 chán):
Um Ruhe und Gelassenheit im Geist hervorzurufen, lenkt man mit Hilfe der Brücke, die man nicht einfach gedankenverloren geradeaus überqueren kann, die Achtsamkeit auf das hier und jetzt.
Beide Erklärungen sind legitim und verbreitet. Suchen Sie sich einfach diejenige aus, die Ihnen besser gefällt. ;-)