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Das schweigende Lemma

Was ein Dilemma ist, lernt man schon sehr früh, schliesslich ist dieser Begriff schon lange in unserer Umgangssprache enthalten.
Was ein Lemma ist, lernt man erst später im Mathematikunterricht. Und dass beide etwas gemeinsam haben, oft noch viel später.
Beide kommen aus dem Griechischen: Lemma (λῆμμα) steht für eine Annahme und wird in der Mathematik, den Sprachwissenschaften und auch in der Informatik gerne gebraucht.
Dilemma (διλήμματος) bedeutet so viel wie „aus zwei Sätzen bestehend“, wird oft mit der griechischen Tragödie in Zusammenhang gebracht und baut auf dem Begriff Lemma auf. Also schauen wir uns erst einmal das Lemma an:
Ein Lemma ist eine Aussage (oft mathematisch oder logisch), die oft in einem (mathematisch oder logischen) Satz verwendet wird um eine Aussage zu beweisen. Dem Lemma selber wird nicht der Rang eines Satzes zuteil (obwohl es streng genommen gar nichts anderes ist), erst der Satz selber sagt später etwas aus.
Egal ob man vom Lemma auf den Satz schliesst, oder erst den Satz vorstellt und dann das Lemma als Randnotiz, der Satz sagt etwas aus, das Lemma hat zu schweigen (mehr oder weniger).
So ein Dilemma könnte man sagen, denn ein Dilemma beschreibt eine Zwangslage aus der beide möglichen Wege (Vorsilbe „di“ steht für zwei) zum gleichen (in der Regel unschönen) Ergebnis führen.
Das Dilemma ist also eigentlich ein Lemma mit zwei möglichen Wegen (beide mit negativem Ergebnis).
Aber was hat das ganze jetzt wieder mit China zu tun ?
Nun, aus Sicht einer nicht-chinesischen Firma könnte man auf Grund eines aktuellen Falls sagen, dass man auf der einen Seite durch illegale Kopien und Weiterentwicklungen der eigenen Produkte durch chinesische Firmen im Nachteil ist und wenn man seinerseits derartige Methoden auf chinesische Firmen und ihre Produkte anwendet, wird man trotzdem ungleich härter bestraft, da man die volle Macht der internationalen Rechtssprechung zu spüren bekommt. So ein Dilemma.
China hat lange Zeit solche Verstösse bei chinesischen Firmen nicht geahndet und man ist im Westen der Überzeugung, dass politisches Kalkül dahintersteckt um es den eigenen Firmen zu ermöglichen schneller zur internationalen Konkurrenz aufzuschliessen. Dass jetzt eine nicht-chinesische Firma ein Produkt eines chinesischen Unternehmens illegal benutzt, ist allerdings neu.
Eine grosse Firma, die Eisdielen in Los Angeles betreibt hat speziell zum chinesischen Frühlingsfest, das gerade war (siehe Artikel [[Schweinkram]]), eine Eisvariation kreiert, die auf dem Geschmack des Milchbonbons 大白兔 (dà bái tù - „Das weisse Kaninchen“ (kennen wir noch aus dem Artikel [[Das weisse Kaninchen]])) aufbaut.
Offensichtlich sehr erfolgreich, denn was eigenlich nur eine zeitlich begrenzte Aktion sein sollte, hat sich wohl zu einem absoluten Renner entwickelt. Und so nutzt man weiterhin die Milchbonbons als geschmacksgebende Zutat in der Eiscremevariante.
Allerdings ohne die Firma Shanghai Guan Sheng Yuan Food, Ltd. (上海冠生園食品有限公司 shàng hǎi guān shēng yuán shí pǐn yǒu xiàn gōng sī), die das Bonbon 1943 kreiert hat um Erlaubnis zu fragen.
Von aussen betrachtet ist das natürlich ziemlich aberwitzig. Bis jetzt hat man eben immer chinesischen Firmen vorgeworfen gegen Patent- und Markenrechte zu verstossen und auf einmal ist es genau anders herum.
Viele Leute beschreiben bereits in Artikeln wie sie sich freuen, dass ein grosses chinesisches Unternehmen jetzt endlich einmal die eigene bittere Medizin zu schmecken bekommt.
Allerdings gehe ich davon aus, dass das weitere Vorgehen hier variieren wird: War China in früheren Jahren kaum daran interessiert derartige Rechtsverletzungen zu ahnden oder auch nur zu verfolgen, ist zu erwarten dass man in Amerika ganz normal den Rechtsweg geht und die anstehende Klage des chinesischen Unternehmens ganz normal abwickeln wird.

Der grosse Satz von Fermat

Der grosse Satz von Fermat ist einer der berühmtesten Sätze in der Mathematik.
Sie kennen vielleicht den Satz des Pythagoras. Dieser sagt, dass in einem rechtwinkligen Dreieck die Länge der kurzen Seite zum Quadrat plus die der mittellangen zum Quadrat gleich der Länge der längsten Seite zum Quadrat ist.
a2 + b2 = c2
Als Beispiel nehmen wir mal die Zahlen a = 3, b = 4 und c = 5.
Auf der einen Seite haben wir 32 = 9, 42 = 16, ergibt zusammen 25. Und auf der anderen Seite haben wir 52 ergibt ebenfalls 25.
Der grosse Satz von Fermat besagt nun, dass es keine natürlichen Zahlen ausser Null gibt, die diese Gleichung erfüllen, würde man Potenzen grösser als 2 nehmen. Also a3 + b3 = c3 oder a4 + b4 = c4 zum Beispiel.
Wenn man Zahlen für a, b und c einsetzt, kann man schnell nachvollziehen, dass dies wahrscheinlich korrekt ist.
Ich sage „wahrscheinlich“, da man absolute Gewissheit in der Mathematik nur über einen mathematisch einwandfreien Beweis erhalten kann. Und genau das beansprucht der grosse Satz von Fermat für sich.
Einziges Problem: Es gibt ihn nicht.
Sie haben richtig gehört. Einer der berühmtesten Sätze der Mathematik existiert gar nicht. Fermat hat einfach nur behauptet, er hätte einen Beweis gefunden.
Er hat als Randnotiz in der Arithmetica von Diophantos von Alexandria (dem damaligen Standardwerk der Mathematik) folgendes vermerkt: „... cujus rei demonstrationem mirabilem sane detexi. Hanc marginis exiguitas non caperet“.
Was übersetzt bedeutet: „... Ich habe hierfür einen wahrhaft wunderbaren Beweis entdeckt, doch ist dieser Rand hier zu schmal, um ihn zu fassen“.
Wenn das nicht mal ein Geniestreich ist. Man behauptet etwas gefunden zu haben und geht damit in die Geschichte ein.
Heutzutage ist man sich einig, dass er sich wahrscheinlich geirrt hat.
Die Behauptung, dass es keine natürlichen Zahlen ausser Null gibt, die diese Gleichungen lösen können, ist erst später von Andrew Wiles tatsächlich bewiesen worden.
Dieser hat viele Jahre investiert und den Beweis nur über den Umweg einer zu Fermats Zeiten völlig unbekannten Theorie fundieren können (Der Modularitätssatz, früher Taniyama-Shimura-Vermutung genannt).
Es ist also mehr als unwahrscheinlich, dass Fermat einfach mal so einen, wie er sagt, „wunderbaren Beweis“ gefunden hat.
Er hat die Lorbeeren, zumindest für diesen Satz, wahrscheinlich gar nicht verdient. Aber wir wollen ihm mal unterstellen, dass er es nicht besser wusste.
Seitdem es Software gibt, die Textplagiate ausfindig machen kann (wird in der Regel von Lehrern eingesetzt um sicherzustellen, dass die Hausarbeiten der Schüler nicht aus dem Internet kopiert wurden) und man sie über grosse Werke der Literatur hat laufen lassen, ist man sich sicher, dass auch Shakespeare bei seinen Werken sich durch fremde Quellen mehr als nur hat inspirieren lassen.
Ein bisher unveröffentlichtes Dokument von George North aus dem Jahre 1576 namens „A Brief Discourse of Rebellion“ gibt Anlass zu der These, dass es die Quelle für mehr als 20 Monologe in Shakespeare-Stücken sein könnte.
Auch der bekannte englische Lyriker hat vielleicht nicht alle Lorbeeren verdient, die ihm zugedacht wurden. Was nicht heissen soll, dass er nicht trotzdem ein grosser Autor war, aber eben nicht alle Lorbeeren.
Ein ähnliches Thema, das in Zusammenhang mit China immer wieder zu hören ist sind Plagiate und Produktpiraterie.
Man produziert Kopien von Produkten und gibt sie als die eigenen aus. Auch hier beansprucht man einen Ruhm, den man nicht verdient. Es gibt inzwischen grosse, chinesische Firmen, die sich auf solche Dinge spezialisiert haben.
Es gibt solche, die vorgaukeln, sie wären die Originalfirma und solche, die das Produkt und den Firmennamen, Logo etc. minimal abwandeln (hatte ich im Artikel [[Original und Fälschung]] ja bereits von berichtet).
Dies ist ein Thema, das absolut nicht neu ist. Allerdings war es, wenn man das Rad der Zeit mal zurückdreht, in früheren Zeiten genau umgekehrt.
Erfindungen aus China wurden in Europa noch einmal erfunden. Wenn wir böse sind, stufen wir das auch als Produktpiraterie ein, wenn wir wohlwollend sind, sagen wir, dass diese Dinge vielleicht wirklich ohne Vorwissen noch einmal entdeckt wurden.
Johannes Gutenberg galt lange Zeit als der Erfinder des Buchdrucks. Das is so natürlich nicht ganz richtig.
Den Buchdruck gab es in Ostasien bereits lange vor Gutenberg. Damals wurden ganze Bücherseiten als Druckplatten hergestellt, Gutenberg hat dieses Verfahren dann verfeinert, indem er die einzelnen Buchstaben und Zeichen austauschbar machte.
Heutzutage sagt man, etwas spezieller gefasst, dass Johannes Gutenberg als Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern gilt.
Berthold Schwarz, ein Franziskaner Mönch aus dem 14. Jahrhundert, wurde lange Zeit nachgesagt, er habe das Schwarzpulver erfunden. Aber auch dies ist eine Erfindung aus China. Er hat die Wirkung dieses Stoffes also bestenfalls wiederentdeckt.
Johann Friedrich Böttger und Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, galten lange Zeit als die Erfinder des Porzellans. Auch hier handelt es sich bestenfalls wieder um eine Wiederentdeckung von bereits entdecktem. Porzellan gab es in China schon lange Zeit bevor die beiden das sogenannte Meißner Porzellan entdeckten.
Und es gibt noch weitere Beispiele, aber das soll an dieser Stelle reichen.
Damals gab es natürlich noch keine weltweit gültigen Patente, die man auf seine Erfindungen anmelden konnte und das Kopieren wurde auch noch nicht so verteufelt, wie es heute getan wird.
Sind heutige Firmen oft abhängig von ihren Patenten, so war es in früheren Zeiten auch bei uns völlig normal, wenn man von jemandem kopiert wurde. Man wusste somit, dass sein Produkt nicht schlecht sein kann, wenn es wert ist kopiert zu werden.
In der Musik hat sich dieses Phänomen bis heute gehalten. Gerade in den 60er Jahren war es durchaus usus ein Stück eines anderen Künstlers neu aufzulegen, um somit auch seine Bewunderung auszudrücken.
Heutzutage gibt es vom Remake über Medley, Adaption, Paraphrase, Remix und Mashup viele unterschiedliche Kopien, die alle ein anderes Ziel verfolgen und es wird mit sogenannten Coverversionen oft mehr Geld verdient, als mit neuen Titeln.
In China hat sich bis heute eine Einstellung gegenüber Kopien in den Köpfen der Menschen erhalten, die diese Dinge im Licht der alten Meister und ihrer Schüler sieht.
In China lernt man durch kopieren. Der Schüler lernt die Kalligrafie durch monotones kopieren der Bewegungsabläufe, die sein Meister ihm vorgibt. Ein Maler, der ein Bild seines Meisters kopiert, ehrt diesen mit seinem neuen Werk.
Und auch in der Schule gibt es bis heute fast ausschliesslich Frontalunterricht. Der Lehrer sagt vor, die Klasse wiederholt.
Das geht noch auf das staatliche Schulsystem aus der Ming Dynastie (明朝 míng cháo) zurück. Um eine Laufbahn als Beamter einzuschlagen, war das Auswendiglernen der „Vier Bücher“ (四书, sì shū), der Lektüre der „Fünf Klassiker“ (五经, wǔjīng) zusammen mit einer Auswahl neokonfuzianischer Schriften Voraussetzung.
Und bis heute funktionieren chinesische Schulen in der Regel nach dem Prinzip „Auswendiglernen und wiederholen“ (oder kopieren, wenn man so will).
Mit diesem Denken aufgewachsen, ist es vielleicht nicht immer einfach den Unmut anderer Länder zu verstehen, wenn man ihre Produkte nachmacht.
Wobei man natürlich auch festhalten muss, dass diese Sichtweise immer wieder gerne vorgeschoben wird, um das Ansehen von Billigproduktionen zu schönen, deren einziger Zweck eine schnelle Marktübernahme durch Verdrängung teurerer Produkte (also auch der Originale) ist.
Aber es ist nun einmal, wie es ist. In den Köpfen vieler Leute in China sind Kopien etwas völlig normales.
Allerdings vergisst man bei der ganzen Debatte, die im Westen schnell in eine Diskussion über „die Chinesen“ und „die Anderen“ führt gerne, dass es nicht bloss die ausländischen Firmen sind, die unter den Billigkopien leiden, sondern im grossen Maße eben auch die chinesischen Konsumenten.
Inzwischen traut in China kaum noch jemand Produkten, die im eigenen Land hergestellt wurden. Und selbst wenn sie angeblich nicht von hier sind, ist man skeptisch, ob das tatsächlich stimmt.
Wer die Möglichkeit hat und es sich leisten kann, versucht Originalwaren aus anderen Ländern zu kaufen.
Was dann auch erklärt, warum Chinesen im Ausland einkaufen wie die Weltmeister (siehe Artikel [[Made in Germany]]).
Und es erklärt auch, warum chinesische Firmen versuchen dem Kunden weiszumachen, sie seien eine ausländische Firma (siehe Artikel [[Der falsche Thron]]).
Verrückte Welt.

Werkzeug der Harmonie

Was haben alte, bekannte Kunstwerke oft gemeinsam?
Egal ob es sich um Gemälde, Bauwerke oder Musik handelt, sie haben oft mehr zu bieten, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.
Im Artikel [[Alles was zählt]] sind wir ja schon einmal kurz auf Bedeutungen von Zahlen in China eingegangen.
Bleiben wir zuerst einmal wieder in China: Der Kaiserpalast in Beijing, der auch unter dem Namen „die verbotene Stadt“ bekannt ist, ist selbstverständlich auch unter Zuhilfenahme einiger magischen Nummern entstanden.
So wie unzählige andere Bauwerke auch, aber als Beispiel kommt er mir gerade ganz gelegen.
Ähnlich den Pyramiden in Ägypten, folgen viele Dimensionen in der verbotenen Stadt bestimmten Regeln.
Zum Beispiel stehen Länge und Breite der „Halle der höchsten Harmonie“ oder auch der „Halle zur Bildung der Gefühle“ in dem Verhältnis Neun zu Fünf.
Im alten China unterschied man die geraden und ungeraden Zahlen und ordnete sie Yin und Yang (阴阳 yīn yáng) zu.
Unter den ungeraden Zahlen kleiner als Zehn ist Neun die höchste Zahl. Und die Mitte von 10 ist Fünf.
Die beiden Zahlen haben also einen besonderen Stellenwert und sind damit perfekt um die kaiserliche Macht zu symbolisierten.
Die Haupthallen sind immer als Gruppe von 3 Gebäuden arrangiert, was das Zeichen ☰ (乾 qián) und dessen Bedeutung „Himmel“ repräsentiert. (Sie erinnern sich vielleicht noch an den Artikel [[Alles in Bewegung]])
Dagegen sind die Wohngebäude im inneren Teil der Anlage stets zu 6 Gebäuden gruppiert, was wiederum das Zeichen ☷ (坤 Kūn) und seine Bedeutung „Erde“ repräsentiert.
Aber auch andere Zahlentheorien, die weltweit bekannt sind und nicht nur im alten China, in der griechischen Antike und in Ägypten ihre Anwendung fanden, sondern von der Natur selber genutzt werden, finden sich in Bauwerken (unter anderem dem Kaiserpalast) wieder.
Viele Kunstwerke sind auf Grund von Zahlentheorien, nicht selten nach dem goldenen Schnitt entworfen worden.
Um den goldenen Schnitt schnell zu erklären, stellen wir uns vor, dass wir eine gegebene Strecke so in zwei Teilstrecken teilen wollen, dass das Verhältnis der kleinen zur grossen Teilstrecke gleich dem Verhältnis der grossen Teilstrecke zur Gesamtstrecke ist.
Was hier beschrieben wird, ist genau genommen ein mathematisches Verhältnis.
So betrachtet, erzeugt also die lange Teilstrecke geteilt durch die kurze Teilstrecke das gleiche Ergebnis wie die Gesamtstrecke durch die lange Teilstrecke. Nämlich 1,618039887... usw.
Diese Zahl wird die goldene Zahl genannt, sie ist irrational, hat also unendlich viele Stellen hinter dem Komma und einige mathematische Besonderheiten. (Zum Beispiel wenn man Kehrwert bildet. Aber das würde zu weit führen.)
Der goldene Schnitt beschreibt eine Proportion, die in der Natur immer wieder vorkommt und auch auf den Menschen eine natürliche Anziehungskraft ausübt.
Fingerglieder zueinander, Finger zu Hand, Hand zu Arm, alles folgt dem goldenen Schnitt. Und auch die Körpergrösse wird nach dem goldenen Schnitt genau am Nabel geteilt.
Gemälde, die in den Proportionen des goldenen Schnitts gemalt sind, wirken natürlich und formvollendet.
Beispiele lassen sich zu tausenden in der klassischen Malerei finden: Ein Grossteil der Werke von Leonardo da Vinci („Der vitruvianische Mensch“ und die „Mona Lisa“, um nur die bekanntesten zu nennen), die „sixtinische Madonna“ oder „die Schule von Athen“ von Raffael und und und.
Neben dem goldenen Schnitt gibt es noch die sogenannte goldene Spirale.
Um sie zu erklären, müssen wir erst einmal wieder zurück zur Mathematik: Leonardo Fibonacci entdeckte eine unendliche Folge von Zahlen, die, ähnlich dem goldenen Schnitt sehr interessante und außergewöhnliche Eigenschaften aufweisen.
Der Aufbau ist höchst simpel: Jeweils die Summe zweier aufeinanderfolgender Zahlen ergibt die unmittelbar danach folgende Zahl.
Fangen wir mit der 1 an, so haben wir nur eine Zahl, können also nichts miteinander addieren. Somit wäre die nächste Zahl wieder eine 1.
Jetzt haben wir zwei Zahlen, die wir miteinander addieren können 1 und 1. Die nächste Zahl wäre also die 2.
Danach addieren wir die 2 mit der (zweiten) 1 und erhalten die 3.
Dann die 3 mit der 2 ergibt 5 usw. Die Zahlenfolge sieht dann wie folgt aus: {1,1,2,3,5,8,13,21,34,55...}
Wenn man Muster in der Natur untersucht, so findet sich diese Zahlenfolge auch hier in unzähligen Erscheinungsformen wieder.
Die Art wie Blumen Blätter anordnen, die Anordnung von Samen in einer Sonnenblume, die Schuppenordnung von Tannenzapfen, die Anordnung der Stacheln von Kakteen, der Aufbau der Ananasfrucht. Die Liste ist endlos.
Wenn man aus der Zahlenfolge zwei aufeinanderfolgende Zahlen herausnimmt und die grössere mit der kleineren dividiert bekommt man einen Annäherungswert an die Zahl des goldenen Schnittes.
Je grösser die Zahlen, desto genauer das Ergebnis. 8 durch 5 ergibt 1,6. 13 durch 8 ergibt 1,625. 21 durch 13 ergibt 1,61538... usw.
Und aus den Zahlen der Fibonacci Folge kann man ein Muster aufbauen, indem man die Zahlen jeweils als Kantenlänge eines Quadrates interpretiert und so eine Spirale aufbaut.
Das erste Quadrat hat die Kantenlänge 1, ebenso das zweite. Das dritte hat die Kantenlänge 2, das vierte 3 usw.
Auch dieses Muster findet sich in der Natur auffällig oft wieder. Und zwar nicht bloss im Aufbau von Schneckenhäusern. Aber dazu später.
Diese mathematischen Konzepte haben immer wieder Einzug in Kunstwerke gehalten, darunter Dante Alighieri's „La Commedia“, die „Venus von Milo“ und viele andere.
Ich möchte Ihnen an dieser Stelle ein überaus aktuelles nicht vorenthalten:
Das Lied Lateralus auf gleichnamigem Album von der Band Tool.
Das Schlagzeug, so wie der Gesang sind anhand der Fibunacci Zahlen aufgebaut. Die Silben des Textes sind so auf den Rhytmus aufgeteilt dass sie in aufsteigender und absteigender Weise dieser Zahlenreihe folgen.
Dieses Konzept zieht sich durch das Stück wie ein roter Faden.
Auch diese Textblöcke an sich folgen den Zahlen. Der erste Block wird wiederholt, bevor der zweite folgt (also 1,1,2).
Darüber hinaus gibt es auch im Text selber viele Dinge, die mit den Nummern in Zusammenhang stehen und auch dass der Gesang bei 1:37 Minuten anfängt ist kein Zufall.
Anders geschrieben fängt der Gesang bei 1,618 Minuten an. Da haben wir wieder den goldenen Schnitt.
Und es geht weiter und immer tiefer hinein. Aber das würde hier zu weit führen. Sollten Sie sich dafür interessieren, bemühen Sie doch einfach mal die Suchmaschine Ihres Vertrauens. ;-)
Die Kunst nutzt also bis heute gerne Phänomene, die sich auch in Spiralgalaxien und Wirbelstürmen wiederfinden lassen.
Die Theorie des Urknalls besagt, dass das physikalische Universum spiralförmig aus einem heißen, dichten Punkt entstanden ist, der als Sigularität bezeichnet wird.
Einige alte Religionen, wie zum Beispiel der Mahayana Bhuddismus (महायान mahāyāna in Sanskrit) beschreiben das Universum als Indra’s Netz von Juwelen, basierend auf einer noch älteren vedischen Lehre, was der Beschreibung der modernen Physik heutzutage sehr nahe kommt.
Es wird gerne mit einem Spinnennetz verglichen, das sich in alle Dimensionen ausdehnt. Das Netz besteht aus Tautropfen und in jedem dieser Tropfen sieht man die Reflektion aller anderen Tropfen.
Ähnlich heutigen Projektionen des Universums, in dem das kleinste Element noch das Muster des Ganzen enthält.
Ähnlich der Fraktale, die in den 80er Jahren von Benoît Mandelbrot entdeckt wurden.
Mathematische Gleichungen, deren Visualisierungen sich in einem gewissen Rahmen immer wiederholen, je weiter man einen beliebigen Ausschnitt vergrössert, aber auch immer wieder Veränderungen hervorbringen.
Alles ähnelt der kosmischen Spirale, oder dem Mikro- und Makrokosmos, wie wir sie aus der Physik kennen und deutet wieder auf den goldenen Schnitt, die Fibunacci Folge und die Spirale hin.
Und dieses Wissen ist tatsächlich nicht neu. Es ist lediglich durch moderne Technik, Methoden und Denkmodelle wiederentdeckt worden.
Fraktale Darstellungen finden sich weltweit an unzähligen Tempelanlagen wieder. Der goldene Schnitt und die goldene Spirale findet man in so ziemlich jedem historischen Kunstwerk wieder.
Das vorhin angesprochene Beispiel der alten indischen Religion, in der man Indra's Netz nicht nur zur Erklärung der Dinge, die wir sehen können, sondern auch zur Beschreibung des „leeren“ Raumes und der Verbindung durch ihn verwendet, findet sich so ähnlich auch in alten chinesischen Schriften wieder.
Das Qi (气 qì), das noch aus der Lehre des Daoismus stammt, beschreibt eine Energie, die die Dinge auf unsichtbare Weise miteinander verbindet.
Bis heute glaubt man in der chinesischen Medizin zum Beispiel, dass man berührungslos mit Hilfe dieser Energie Einfluss auf den Körper nehmen kann.
Indra's Netz oder auch das Qi (气 qì) ähneln dabei interessanterweise dem modernen Verständnis, mit dem wir heutzutage versuchen das Universum zu erklären.
Man geht heutzutage davon aus, dass auch der Raum zwischen den Planeten tatsächlich nicht einfach leer ist (das würde sich nämlich physikalisch nicht mit den messbaren Ausbreitungsparametern des Universums decken), sondern sagt ihm Eigenschaften nach, mit denen er tatsächlich die sichtbare Materie miteinander verbindet.
Die Rede ist hier von Antimaterie, dunkler Energie und anderem.
In der Schweiz an der Cern versucht man mit Hilfe des Large Hadron Collider diesem Aufbau weiter auf den Grund zu gehen.
So kann man angeblich seit kurzem das sogenannte Higgs-Teilchen nachweisen, das eines der fehlenden Puzzlestücke im modernen Verständnismodell des Universums war.
Sie sehen, wir kommen mit diesem Thema bereits einmal komplett um die ganze Welt und bewegen uns von Kunst, über Religion, Mathematik und Physik einmal durch alle Felder menschlichen Wissens.
Diese Zahlen haben also weit mehr zu bieten, als es auf den ersten Blick den Anschein hat und es verwundert einmal mehr, weshalb unterschiedliche Kulturen rund um den Globus Wissen über sie hatten.
Diese Völker sollten eigentlich zu der Zeit, in der sie mit diesen Zahlen hantiert haben, noch nicht von der Existenz der anderen Kulturen wissen und trotzdem teilten sie offensichtlich Lehren, die selbst aus heutiger Sicht bahnbrechend und noch nicht wieder komplett erforscht sind.
Wer weiss, was uns die Zahlen in Zukunft noch alles verraten werden ?