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Blanker Hintern und Pawlowscher Hund

Wer ein wenig Zeit in den alten Stadtvierteln von Beijing, den sogenannten Hutongs (胡同 hú tòng) verbringt, hat sie sicherlich schon einmal zu Gesicht bekommen.
Es sind deutlich weniger geworden, veglichen mit damals als ich das erste Mal nach Beijing gekommen bin.
Da gab es sie noch an jeder Strassenecke zu bestaunen, heute nur noch gelegentlich.
An der U-Bahnhaltestelle 鼓楼大街 (gǔ lóu dà jiē) ist ihnen sogar ein Denkmal errichtet worden (oder sagen wir besser: auch sie sind Teil einer Skulptur die dort das chinesische Leben für die nachfolgenden Generationen festhält).
Die Rede ist von der 开裆裤 (kāi dāng kù), einer Hose für Kinder und Kleinkinder, die einen durchgehenden Schlitz vom Hintern bis nach vorne hat (manchmal sogar ein richtig grosses Loch), der es den Eltern ermöglicht die Kleinen schnell über eine Hecke oder einen Mülleimer zu halten, damit diese ihr kleines, oder großes Geschäft erledigen können.
Sie erinnern sich vielleicht noch an den Artikel [[Wildpinkler]]. Dieser beschreibt die unschöne Seite dieses Phänomens.
Heute wollen wir uns aber einmal ganz unvoreingenommen dieser Thematik zuwenden, denn ich finde, dass es ein überaus interessantes Thema ist, das wieder einmal zeigt wie unterschiedlcih teilweise doch westliche und chinesische Alltagssituationen sein können.
Viele Kinder werden in China von den Grosseltern grossgezogen, da die Eltern meist beide den ganzen Tag arbeiten sind.
Somit lebt auch der „Brauch der offenen Hose“ heute noch (favorisiert von der älteren Generation) in der Gesellschaft weiter, obwohl vielerorts die Wegwerfwindel auch hier ihren Sigeszug angetreten hat.
Viele Leute werden jetzt fragen: „Wie soll das funktionieren? Das gibt doch eine riesen Sauerei.“ Aber interessanterweise funktioniert das.
Bereits in frühester Kindheit werden die Kleinen darauf trainiert ihr kleines Geschäft zu verrichten, wenn die Eltern bzw. Grosseltern ein paar Zischlaute von sich geben.
Klassische Konditionierung, ganz so wie beim Pawlowschen Hund.
Somit sind chinesische Kinder oft erheblich früher „stubenrein“ als ihre westlichen Kollegen und es lässt sich noch eine Menge Geld für Windeln einsparen.
Was man natürlich nicht verschweigen sollte ist der Zeitaufwand der nötig ist für solch ein Unterfangen.
Wenn man nicht, wie in China üblich, die Kleinen ununterbrochen beobachtet und bemuttert, ist so etwas kaum durchführbar.
Für den durchschnittlichen deutschen Haushalt eher ein Modell zum bestaunen denn zum nachahmen.
Und auch moderne chinesische Eltern greifen dieser Tage lieber auf die Wegwerfwindel zurück, weshalb die 开裆裤 (kāi dāng kù), die Hose mit dem grossen Schlitz, langsam aber sicher ausstirbt.

Wer schreibt, der bleibt

In chinesischen Kung-Fu Filmen (功夫电影 gōng fu diàn yǐng) sieht man zuweilen die Protagonisten beim studieren der kalligrafischen Fähigkeiten ihres Gegners, um daraus die Führung seines Schwertes abzuleiten.
Daran kann man bereits erkennen, welchen Stellenwert das „Schönschreiben“, wie man es verniedlicht in deutsch nennen könnte, in China seit jeher hatte.
Kalligrafie ist eine hohe Kunstform, der in China weit mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird als anderswo. Das hat natürlich nicht zuletzt mit dem Schriftsystem selber zu tun.
Dabei kann es beim zeichnen der Zeichen oft recht impulsiv zugehen. Die sogenannte Grasschrift stellt die Gestaltung sogar in den Vordergrund und die Lesbarkeit nur an zweite Stelle, was es selbst vielen Chinesen oft unmöglich macht sie zu entziffern.
Es gibt fünf Kategorien:
- 篆书 (zhuàn shū) Die Siegelschrift
- 行书 (xíng shū) Die Kursivschrift
- 草书 (cǎo shū) Die Grasschrift
- 隶书 (lì shū) Die Kanzleischrift
- und 楷书 (kǎi shū) Die Regelschrift
Aber in der Regel spricht man (wie der Name es bereits vermuten lässt) von der Regelschrift, wenn man von Kalligrafie spricht.
Ich möchte an dieser Stelle gar nicht zu tief in die Geschichte abtauchen, darüber haben andere Leute bereits viele Bücher geschrieben. Vielmehr möchte ich beleuchten, was diese alte Kunstform im heutigen China für einen Stellenwert hat.
Einige von Ihnen werden verblüfft sein, denn sie ist keines Wegs ein Fossil das nur noch von alten Menschen wirklich respektiert wird, sondern immer noch ein fester Bestandteil des modernen Lebens.
Auch wenn vielerorts bemängelt wird, dass die Kinder durch den Gebrauch von Computer und Mobiltelefon nicht mehr anständig lesen und schreiben könnten, so ist diese alte Fertigkeit doch immer noch hoch angesehen und wird vielerorts auch vorausgesetzt.
Es wäre zum Beispiel undenkbar, dass ein Staatspräsident in China sie nicht besitzt. Bei hohen Persönlichkeiten werden solche Dinge stets erwähnt. Kalligrafie und darüber hinaus die Fertigkeit chinesische Texte im alten Stil gekonnt zu formulieren sind in gewissen Kreisen unabdingbar. „Wer schreibt, der bleibt“ sozusagen.
Ein typisches Kalligrafie-Übungsblatt.
Und so kann man in chinesischen Privathaushalten auch immer wieder Jung und Alt dabei beobachten, wie sie ihre Fähigkeiten mit dem Pinsel trainieren.
Wenn Sie in einen Buchladen gehen, können sie sich auch dort die Übungsblätter kaufen. Auf ihnen finden sie einige Zeichen in kleinen Rechtecken vorgegeben, die Sie nachzeichnen können. So ähnlich wie „Malen nach Zahlen“.
Wer das ganze gerne einmal in formvollendeter Form bestaunen möchte, muss nicht auf den nächsten Tempelmarkt (siehe Artikel [[Schweinkram]]) warten, wo Glückssprüche von Künstlern aufgeschrieben werden, die man sich dann an die Haustüre kleben kann.
In vielen öffentlichen Parks, morgens, bevor der Ansturm der Touristen losgeht, kann man Rentner mit überdimensionalen Pinseln und einem Eimer Wasser sehen, die gekonnt Sprüche und Zeichen auf die Steinplatten zeichnen, nur um sie kurze Zeit später wieder von der Sonne aufsaugen zu lassen.
Wer sich für die chinesische Kalligrafie interessiert, wird unmittelbar mit dem Zeichen 永 (yǒng) konfrontiert.
Es steht für Ewigkeit und an ihm kann man alle 8 Grundlegenden Prinzipien (also alle acht grundlegenden Bewegungen) lernen.
Genauso kennt jedes Kind in China die „vier Schätze des Gelehrtenzimmers“ (文房四宝 wén fáng sì bǎo):
- 笔 (bǐ) Der Pinsel
- 墨 (mò) Die Tusche (als Stangentusche, die mit Wasser und Hilfe des Reibsteins angerührt werden muss)
- 砚 (yàn) Der Reibstein
- 纸 (zhĭ) Das Papier
Bis heute gilt die Kalligrafie in China als eine der höchsten Künste (wenn nicht die höchste) und man findet sie wirklich überall.
Was mich persönlich immer wieder fasziniert ist der Umstand, dass man sie, wenn sie wirklich schnell und wild ausgeführt wird, mit westlichen Malstilen der Moderne vergleichen kann, die sich seinerzeit mit grossem Kraftaufwand von der klassischen Malerei befreit haben.
Abstrakte Malerei oder auch bei Happenings entstandene Kunstwerke, die dem Schöpfungsakt mehr Bedeutung zumessen als dem Werk selber, waren im Westen vor gar nicht all zu langer Zeit noch ein kontroverses Thema.
Und trotzdem sind die aus ihnen entstandenen Werke zu hoch dotierten Kunstwerken geworden.
Das alles gab es in China in Form der Kalligrafie bereits sehr viel früher und ist seit langen Zeiten bereits gesellschaftstauglich.
Wenn man sich einmal damit befasst, ist auch dies wieder ein Thema das etliche Abende füllen kann. Ich empfehle jedem, sich einfach mal im Internet schlau zu machen.

Dicke Zöpfe und Sonnenblumen

Ein lange von mir gehegter Wunsch war der Besuch von 宋庄艺术区 (sòng zhuāng yì shù qū), dem Songzhuang Künstlerviertel.
Im Osten Beijings, im Stadtteil 通州 (tōng zhōu) gelegen, ist es mit dem Taxi vom Innenstadtbereich in knapp einer Stunde zu erreichen. Oder man nimmt den Bus Linie 938 direkt von 国贸 (guó mào).
Ähnlich dem Kunstviertel 798 in Beijing gibt es hier kleine und grosse Galerien und auch kleinere Museen, die Ausstellungen von Bildern, Skulpturen und ähnlichem anbieten.
Der 798 Art District ist ja schon lange als zu kommerziell verschrien und wirkliche Künstler leben dort eigentlich auch nicht mehr, da sich die Mieten dort niemand mehr leisten kann.
Das soll ganz anders sein im Songzhuang Künstlerviertel. Je nachdem welchem Medienbericht man Glauben schenkt, leben hier zwischen 2000 bis 5000 Künstler, denen man wohl auch hin und wieder bei der Arbeit zusehen kann.
Ich drücke mich nicht ohne Grund so umständlich aus, denn als ich da war, habe ich davon leider nichts mitbekommen.
Das Gelände ist anders als 798 nicht begrenzt. Wenn man mit dem Auto oder dem Bus ankommt, weiss man erst einmal nicht wohin man gehen soll. Dieses Gefühl hat sich bei mir bis zum Ende des Ausflugs nicht geändert.
Es wird empfohlen während des „Songzhuang Art Festival“ dort hin zu fahren, da man sonst nur schwer abschätzen kann, welche Gallerien und Museen geöffnet haben.
Das kann ich bestätigen. Den halben Tag sind wir von einer verschlossenen Türe zur nächsten gewandert, wobei viele der Plätze darüber hinaus auch noch gerade renoviert wurden oder noch gar nicht fertig gestellt sind.
In einem von halbfertigen Neubauten und brachliegenden Schuttlandschaften geprägten Gebiet ist es um so ärgerlicher, wenn man nach einigem hin- und herirren dann endlich eine Galerie gefunden hat und feststellen muss, dass sie nicht geöffnet hat. Es ist alles sehr unübersichtlich.
Die erste Anlaufstelle war ein kleines Museum, in dem lediglich zwei Künstler ausgestellt haben. Dabei hingen im oberen Stockwerk fast ausschliesslich Fotografien, auf denen sie ihre Bücher vorstellen oder irgendwelche Preise entgegennehmen.
Der Rest war auch nicht nach meinem Geschmack. Schwarz-Weiss-Gemälde in riesigen Dimensionen mit mehr oder weniger politischen Motiven.
Ich kann grundsätzlich mit Bildern, auf denen junge Mädchen mit dicken, geflochtenen Zöpfen stolz halbautomatische Handfeuerwaffen präsentieren nichts anfangen. Völlig egal welche Nationalität oder politische Motivation sie auch haben mögen. Ich mag es einfach nicht.
Bei den anderen Ausstellungen hatten wir auch nicht viel mehr Glück.
Im Bereich, den man wohl als Mittelpunkt der Anlage verstehen kann, gibt es ein grosses Museum für das man dann auch 20 RMB Eintritt zahlen muss.
Ein paar Bilder und Skulpturen sind durchaus sehenswert, viele gewöhnlich und was mich am meisten gestört hat waren die vielen Verkäufer, die überall zwischen und vor den Bildern Tee- und andere Verkaufsstände aufgebaut haben um irgendwelchen Krimskrams aus Plastik-Massenproduktionen an die Leute zu bringen. Bis hier hin war es ein totaler Reinfall.
Das Mittagessen in dem kleinen, unscheinbaren Restaurant war gut. Und damit meine ich wirklich gut.
Von da an ging es dann auch bergauf. Etwas weiter die Strasse runter gab es ein paar kleine Gallerien, die Bilder unterschiedlicher Künstler angeboten haben.
Viele chinesische Malereien und Kalligrafie, aber auch immer wieder andere, modernere, darunter auch für meinen Geschmack durchaus interessante Objekte.
Man sollte allerdings im Hinterkopf behalten, dass man in vielen dieser Gallerien auf „alte Bekannte“ trifft. Darunter immer wieder die Sonnenbkumen von Vincent van Gogh.
Es ist also nicht unbedingt alles reine Kunst, was man dort so zu Gesicht bekommt. Handwerkskunst ja, das steht ausser Frage. Aber eben oft bloss kopiert.
Und in einer kleinen Seitenstrasse haben wir sie dann auch gefunden. Kleine Läden die damit werben eins-zu-eins-Kopien von jedem x-beliebigen Bild machen zu können.
Alles in allem nicht das, was ich erwartet habe, obwohl es ein netter Ausflug war.
Aber irgendwie spüre ich, dass da mehr ist. Ich denke, man sollte sich etwas besser vorbereitet auf den Weg machen. Vielleicht wirklich einmal zum „Songzhuang Art Festival“.
Ich bin mir sicher, dass es dort doch einiges zu entdecken gibt, obwohl es sich dieses Mal erfolgreich vor uns versteckt hat.

Zebrabalken

Ist zwar schon ein alter Hut, aber weil es so schön ist, will ich es Ihnen, liebe Leser, nicht vorenthalten.
Aber erst einmal wieder eine kleine Einleitung: Bereits 1981 ist die Technik des 3 dimensionalen Druckens erfunden und schon 1983 in die Praxis umgesetzt worden.
Seit dem hat es viel Wirbel gegeben und bis 2016 waren wir immer kurz davor jeder einen 3D Drucker zu Hause stehen zu haben.
Der Hype hat sich nicht bestätigt, die Haushalte drucken immer noch nicht in 3D. Allerdings hat sich der 3D Drucker in vielen Firmen durchgesetzt und es den Unternehmen möglich gemacht Spezialteile selber herzustellen.
So gesehen hat sich etwas von dem Hype doch bewahrheitet, nur eben unsichtbar für den Otto-Normal-Verbraucher.
In dem Artikel [[Marty, Du musst Dir angewöhnen vierdimensional zu denken]] ging es um die vierte Dimension, heute möchte ich einen Schritt zurückgehen und über die dritte Dimension reden, bzw, die Illusion der dritten Dimension.
3D das war schon ein grosses Thema, als ich ein Kind war. Damals kamen die ersten 3D Brillen heraus mit denen man bestimmte Sendungen im Fernsehen 3 dimensional ansehen konnte.
Ein eckiges Pappgestell, das das eine Auge mit einer roten und das andere mit einer grünen Klarsichtfolie verdeckt hat.
Damit konnte man dann Filme sehen, die mit 2 versetzten Kameras aufgenommen wurden, die eine durch einen Grünfilter, die andere durch einen Rotfilter.
Heutzutage arbeitet man lieber mit Polarfiltern, die die unterschiedlichen Bilder auf die Augen verteilen.
Und Kino ohne 3D ist ja heutzutage kaum noch vorstellbar. Obwohl ich persönlich finde, dass der Effekt am besten wirkt, wenn man ihn auf langsame Szenen mit weiten Räumen anwendet, anstatt wie üblich auf hektische Actionszenen.
Wie auch immer. Allen gemein ist, dass es sich um einen Trick handelt, der ein 2 dimensionales Medium 3 dimensional erscheinen lässt.
Eigentlich ein uralter Hut. Perspektivische Darstellungen, die gewisse Dinge kürzer oder länger darstellen, um den Eindruck von Räumlichkeit zu erwecken gibt es in Ansätzen bereits seit vor 30.000 Jahren (bei den frankokantabrischen Höhlenbildern zu sehen).
Spätestens in der Renaissance erwachte die perfektionierte Perspektive in Gemälden dann tatsächlich zum Leben und ist bis heute aus vielen Bildern nicht mehr wegzudenken.
Albrecht Dürer's Buch „Underweysung der Messung, mit dem Zirckel und Richtscheyt, in Linien, Ebenen und gantzen corporen“ beschäftigt sich zum Beispiel damit.
Neuerdings wendet man diese alte Kunst auch im Strassenverkehr an, um die Aufmerksamkeit der Autofahrer wieder auf die Strasse zu lenken.
Man hat gelbe und blaue Kanten an die Zebrastreifen auf der Strasse gemalt, die erst einmal etwas befremdlich wirken.
Es handelt sich zwar nicht um die Abbey Road, aber auch dieser Zebrastreifen ist durchaus interessant.
Gerade, wenn man als Fussgänger die Strasse überquert, sieht man nicht direkt den Nutzen dieser Aktion (Bild 1).
Schaut man allerdings aus der Sicht der abbiegenden Fahrzeuge auf die Fahrbahn, so hat man die Illusion von mehreren massiven Balken, die vor einem auf der Strasse liegen (Bild 2).
Wie gesagt: Ein Versuch, die Aufmerksamkeit des abgelenkten Autofahrers wieder auf die Strasse zu lenken.
Ob es wirklich etwas bringt, ist fraglich, aber eine interessante Idee ist es auf jeden Fall.

Schrödingers Katze

Als ich mich vor zwei Tagen in der Mittagspause auf dem Weg zu meinem favorisierten Schnellimbiss befand, kam ich wieder an einem kleinen Laden vorbei, der, wie gewohnt, seine Lautsprecher auch nach draussen auf die Strasse gerichtet hat um Kunden anzulocken.
Aber anstatt der sich endlos wiederholenden Produktansagen oder der chinesischen Popmusik, die üblicherweise aus den Boxen dröhnen, war ich dieses Mal umgeben von bekannten und versöhnlichen Klängen.
Es lief, in dezenter Lautstärke, das Stück „Hold on“ von Tom Waits.
Und da auch ich dieses Stück zu meinen persönlichen Favoriten zähle, lief mir trotz der Sommerhitze ein leichter Schauer über den Rücken. Dieser Tag war schon einmal gerettet. :-)
Leider sieht nicht jeder die Musik von Tom Waits, so wie ich es tue. Viele Leute mögen seine zugegeben etwas ungewöhnliche Stimme nicht und tun seine Stücke partout als Schund ab.
„So etwas ist doch keine Kunst. Das hört sich ja an wie ein kehlkopfkranker Hund.“
Nun, zumindest beim ersten Teil muss ich ihnen, wenn auch widerwillig, Recht geben, denn man kann nicht erzwingen, dass jeder die gleichen Dinge als Kunst ansieht.
Kunst entsteht ja, wie wir alle wissen, im Auge des Betrachters. Auch wenn einige Menschen das so nicht wahr haben wollen.
Es ist aber tatsächlich so, dass auch grosse Kunstwerke wie das Bild Guernica, eines der bekanntesten Werke Pablo Picassos, das 1937 entstanden ist, völlig unabhängig von ihrer Geschichte, Bedeutung und der Meinung der Kritiker, für einige Menschen persönlich einfach keine Kunst sind. Und das völlig unabhängig von der handwerklichen Qualität des Objekts.
Jeder Mensch entscheidet für sich selber ob es Kunst ist, oder auch wie er es interpretieren möchte.
Das ist ja gerade das Schöne. Der Künstler gibt eine Richtung vor, der man selber aber nicht zwangsläufig folgen muss. Und man kann seine Meinung natürlich auch jederzeit ändern (ein Phänomen, das im Zusammenspiel mit Jazzmusik und dem Alter des Zuhörers oft zu beobachten ist).
Mit diesem Wissen macht ein Besuch im Museum direkt doppelt so viel Spass. Das bedeutet nämlich, dass ich mir zu jedem Werk meine eigenen Gedanken machen kann, ohne dass es falsch ist, so wie es uns die Lehrer in der Schule früher immer einreden wollten.
Natürlich gibt es immer eine Hintergrundgeschichte zu jedem Kunstwerk. Aber die ist ja nicht bindend.
Wenn jemand „Die Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli als Schweinkram ansieht, weil zu viel nackte Haut zu sehen ist, dann ist das einfach so.
Zugegeben, das ist eine ziemliche schräge Ansichtsweise, aber jeder entscheidet ja für sich selbst was Kunst oder auch was unanständig ist.
Die Gedanken sind frei“ ist ein noch weiter gefasster Spruch, der etwas ähnliches aussagt.
Ebenso wie Kunst im Auge des Betrachters entsteht, verhält es sich mit der Geschwindigkeit, wie wir spätestens seit Albert Einstein wissen.
Bewegt man sich in einem Zug in Fahrtrichtung, kommt einem die persönliche Geschwindigkeit genau so vor, als würde man auf der Strasse laufen, obwohl man die Geschwindigkeit des Zuges ja zu der eigenen hinzurechnen müsste.
Ein Trugschluss, auf dem viele Anhänger der „Flat Earth Society“ ihre Begründungen für angebliche Beweise bauen, dass die Erde eine Scheibe sei. Die Behauptung ist: „Wenn die Erde eine Kugel wäre und rotiert, dann dürften die Seen nicht still sein, sondern müssten auslaufen“.
Auch hier ist wieder der Trick den Zusammenhang zu sehen und die Bezugspunkte richtig zu setzen.
Natürlich hat Rotation grundsätzlich Einfluss auf Wasser. Der Vergleich mit dem Wasserglas hinkt aber, da sich hier der Gravitationspunkt ausserhalb des rotierenden Objektes befindet.
Aber auch hier gilt natürlich: „Die Gedanken sind frei“. Jeder Mensch darf so gebildet, naiv, schlau, unwissend sein wie er möchte (Er sollte dann aber bitte bei der Berufswahl Abstand von bestimmten Berufsgruppen wie Pilot oder ähnlichen nehmen).
Aber grundsätzlich kann man und sollte man Theorien hinterfragen. Dabei kommen teils recht aberwitzige Ideen zu Tage. So wie diese hier:
Wenn man davon ausgeht, dass ein Lebewesen, das gezüchtet wird (zum Beispiel als Zootier oder als Schlachtvieh) nicht realisiert, dass es zu einem bestimmten Zweck in einer unnatürlichen Umgebung aufwächst, dann ist es durchaus vorstellbar, dass wir (die Menschen) von den Pflanzen gezüchtet werden. Und zwar als Futter.
Sie ernähren uns, geben uns Sauerstoff und wenn wir ausgewachsen und „reif“ sind und endlich sterben, ernähren sie sich von uns. Alles eine Frage des Blickwinkels. ;-)
Aber zurück zum Thema: Was wir als Kunst, unanständig oder normal ansehen, hat erst einmal mit den persönlichen Vorlieben zu tun.
Diese sind allerdings auch nicht frei von Beeinflussung. Die Umwelt und in besonderem Maße die Kultur in der wir uns bewegen haben sehr grossen Einfluss auf deren Ausprägungen.
Ob wir Schimmelkäse mögen oder 100-jährige Eier (kennen wir ja noch aus dem Artikel [[da ist doch was faul]]), das ist eben nicht alleine die eigene Entscheidung, sondern auch abhängig von der kleinen Welt in der wir uns bewegen und deren Einfluss. Auch hier gibt es kein „richtig“ oder „falsch“, es sind Vorlieben, Gewohnheiten und Erlerntes.
Genau so wie der unabdingbare Glaube, dass die Religion der man angehört die einzig richtige sei.
Immer wieder gerne werden auch politische Systeme miteinander verglichen so wie die Demokratie und der Kommunismus. Und jedes mal gleicht es einem Glaubenskrieg, wenn die Parteien sich gegenseitig versuchen zu überzeugen, welches System das bessere sei.
Vergessen wird dabei immer, dass jedes dieser Systeme für sich erst einmal ein wunderbares, theoretisches Konstrukt ist, in dem Menschen bestmöglich miteinander auskommen sollen.
Im richtigen Leben kommt dann leider die menschliche Komponente hinzu und es zeigt sich, dass sich in jedem dieser Systeme immer wieder die gleichen Probleme herauskristallieren.
Denn egal ob Demokratie, Kommunismus oder sonstige Gebilde, sie müssen in der wirklichen Welt mit marktwirtschaftlichen oder anderen Systemen in Einklang gebracht werden und das ist nicht immer problemlos möglich.
Es gibt immer einige wenige Menschen, die Sonderpositionen einnehmen können, was unweigerlich zu Problemen führt.
Ich bin kein grosser Freund von politischen Diskussionen, denn ich bin der Meinung, dass der Fokus hier vom Eigentlichen, dem Menschen selbst, nur abgelenkt wird. Politik mag notwendig, aber etwas schönes wird sie niemals sein (was natürlich auch nur wieder meine persönliche Meinung widerspiegelt).
Das liegt natürlich zu einem gewissen Teil auch daran, dass sie versuchen muss einheitliche Standards für unterschiedliche Menschen zu schaffen. Die Alternative wäre die Anarchie, die natürlich ihrerseits genau die gleichen Probleme hervorbringt: Einige Menschen, die Sonderpositionen besetzen.
Wie man es auch dreht und wendet, man kann zu jedem Thema Gutes und Schlechtes finden, entscheident ist eigentlich nur worauf man sich mehr konzentriert. Gut oder Schlecht, Kunst oder auch Nicht-Kunst, es ist alles relativ.
Die wirkliche Kunst besteht, ganz einfach gesagt, darin einen Mittelweg zu finden, mit dem der Grossteil der Betroffenen zufrieden ist. Und dann darf wieder jeder für sich selber entscheiden, was er davon hält. Eben so wie bei den Kunstobjekten.
Die Frage, ob ein Ojbekt Kunst ist, oder nicht, entscheidet sich, genau genommen immer dann, wenn sich jemand diese Frage stellt und sie für sich persönlich beantwortet.
„Ja, das ist Kunst“ oder „Das ist doch bloss Gekritzel“ oder ähnliches bestimmen dann individuell, genau in diesem Moment, ob es Kunst ist, oder eben nicht. Vorher ist es unbestimmt.
So wie Schrödingers Katze erst tot bzw. lebendig ist, nachdem man nachgeschaut hat. Vorher ist sie in einem unbestimmten Zustand.
Für alle, die mit Schrödingers Katze so nichts anfangen können: Es ist ein Gedankenexperiment aus der Physik von Erwin Schrödinger, das quantenmechanische Theorien, wie sie auf atomarer Ebene vermutet werden, auf unseren Alltag abbildet.
In einem geschlossenen Raum sollen sich eine Katze und ein instabiler Atomkern befinden, der innerhalb einer bestimmten Zeitspanne mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerfällt.
So bald der Atomkern zerfällt, würde ein Geigerzähler dies messen und ein Giftgas freisetzen, das die Katze tötet.
Das Problem ist nun folgendes: Kleine Teilchen, wie ein Elektron zum Beispiel befinden sich, so lange sie nicht gemessen werden auf Grund der Theorie der Quantenphysik in einer sogenannten Superposition, also einem unbestimmten Zustand, der es ihnen theoretisch erlaubt sich an unterschiedlichen Positionen gleichzeitig zu befinden.
Somit wäre auch der Atomkern, bevor wir nachsehen, also messen (deshalb der geschlossene Raum) gleichzeitig zerfallen und nicht zerfallen.
Die Apparatur würde also die Katze töten und nicht töten, die Katze wäre also tot und lebendig, was ja in unserer Welt mit den hier bestehenden physikalischen Gesetzen nicht in Einklang zu bringen ist.
Dieses Paradoxon veranschaulicht sehr schön, dass sich nicht alle physikalischen Theorien unbedingt miteinander verbinden lassen.
Aber lassen wir das physikalische Problem mal auf Seite, so ist es ein schönes Bild um zu zeigen, dass einige Dinge einfach unbestimmt sind, so lange bis man sie irgendwo einordnet.
Ein Objekt ist also ein Kunstwerk und auch kein Kunstwerk, so lange bis wir uns die Frage stellen: „ist das für mich Kunst ?“ So lange wir nicht nachfragen, bzw. nachschauen ist es wie es ist. Eben unbestimmt.
Ebenso verhält es sich auch mit Gewohnheiten oder kulturellen Vorlieben. Es ist gleichzeitig Kunst und nicht Kunst, oder tot und lebendig oder gleichzeitig Schimmelkäse und 100-järiges Ei.
Was können wir daraus also lernen ? Dass es immer mehr als eine Wahrheit gibt zum Beispiel. Dass es die eigene Position nicht schwächt, wenn man sich den Blickwinkel der anderen Partei einmal zu eigen macht, sondern vielmehr stärkt indem man die wirklich wichtigen Dinge von den Vorlieben und dem Erlernten trennen kann.
Und dass es für die Katze keinen grossen Unterschied macht, da sie ja eh sieben Leben hat (oder neun, je nach Quelle).