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Von Fürstchen und Würstchen

Es gibt ein Phänomen das sich „reversed culture schock“ nennt. Es beschreibt den Kulturschock, den man angeblich erleidet, wenn man einige Zeit im Ausland gelebt hat und dann zurück in sein Heimatland zieht.
Ich persönlich muss sagen, dass man sich im Ausland zwar viele Dinge angeeignet hat und inzwischen auch vieles mit anderen Augen sieht, aber einen Rückkehrer-Kulturschock? Da kann ich nicht ganz folgen.
Es gibt etliche Internetseiten die Tipps geben für Leute die ein Jahr oder länger in China waren um sich in der heimischen Kultur wieder zurechtzufinden.
Da frage ich mich allen Ernstes ob ich es bin der nicht normal ist oder alle anderen. Es gab nicht einmal einen Funken Kulturschock bei meiner jetzigen Rückkehr. Und habe einige Jahre in China gelebt.
Einige Besonderheiten an die man sich wieder gewöhnen muss gibt es, keine Frage. Aber definitiv nichts was man mit einem Kulturschock beschreiben müsste.
Ich habe durch das Leben im Ausland viel erlebt, meinen Horizont erweitert und einige Eigenarten angenommen, aber die Erfahrungen nehme ich ja alle mit, die bleiben ja nicht dort.
Warum also scheint es für so viele Menschen, selbst wenn sie nur ein Jahr in einer anderen Kultur gelebt haben, so schwer zu sein sich wieder an die alte Heimat zu gewöhnen?
Nun, viele der Artikel die diese Themen behandeln, erzählen von Leuten, die von ihrer Firma als Spezialisten nach China entsendet wurden.
Bis hierhin kein Unterschied zu mir. Aber diese Leute haben sich im Gegensatz zu mir, der ja freiwillig nach China gehen wollte, in der Regel von ihrer Firma mit Geld ködern lassen.
Und von da an läuft dann alles anders: Ich habe ein ganz normales Leben in China geführt, hatte ja schon früher Chinesisch gelernt, konnte also entsprechend auch viele Dinge selber erledigen.
Das ist bei den meisten Expats eben nicht der Fall. Ich habe viele von ihnen getroffen und war immer hin- und hergerissen zwischen Mitleid, weil sie in einer Blase leben mussten und Verachtung, weil sie es nicht einmal bemerkt haben und sich auf Grund der finanziellen Zuwendung ihrer Firma auch noch wie ein Fürst vorkamen.
In einem der älteren Artikel hatte ich ja schon einmal erwähnt dass Firmen eine Zeit lang ihren Mitarbeitern finanziell sehr stark unter die Arme gegriffen haben, wenn diese für sie nach China gegangen sind.
Abgesehen von Sonderzahlungen auf das Gehalt wurden nicht selten die teuersten Wohnungen im Innenstadtbereich, ein Fahrer, eine Haushälterin und eine Nanny bezahlt.
Dazu die Kindergarten- bzw. Schulkosten der Kleinen und und und.
„In China ein Fürstchen, zu Hause ein Würstchen“ Diesen Spruch gibt es nicht umsonst.
Vielleicht sind es genau jene Leute die einen Kulturschock erleiden, wenn sie zurück kommen. Diejenigen die auch im Reich der Mitte mit der Kultur nicht klargekommen sind und ihre Freizeit in Expat-Kneipen und Kaffehäusern verbracht haben. Die die sich in einer Blase eine Zwischenkultur aufgebaut haben.
Das hört sich jetzt alles ziemlich überheblich an, aber genau genommen würden sich die meisten Menschen unter diesen Umständen so verhalten.
Nicht jeder hat die Möglichkeit, bevor er in China arbeitet, bereits einmal dort zu leben, die Sprache zu lernen und Land, Leute und Kultur zu erleben.
Ich hätte mich in einer ähnlichen Situation vielleicht genauso verhalten.
Und durch die Heirat mit einer Chinesin und dem daraus resultierenden Familienanschluss gewinnt man natürlich noch einmal ganz andere Einsichten.
Trotzdem kann ich dieses Phänomen des Rückkehrer-Kulturschocks nicht nachvollziehen. Das ist einfach zu sehr überzogen.
Von einem erwachsenen Individuum, als Spezialist für ein paar Jahre entsendet und dann zurückkommend, erwarte ich persönlich einfach mehr. Es muss also mehr dran sein.
Man hört immer wieder dass die Rückkehrer zwar zurück in die alte Heimat kommen, aber die alten Strukturen nicht mehr vorfinden. Aha, da kommen wir der Sache doch schon näher.
Natürlich hat sich die Welt weitergedreht, auch ohne einen. Freundschaften sind nicht mehr wie sie waren (hatten wir im Artikel [[Lernen loszulassen]] bereits drüber gesprochen) und die Familie ist alt und grau geworden.
Nun, da muss man eben durch. Ich bezweifle, dass man dieses Problem unbedingt als Kulturschock bezeichnen muss, auch wenn es ein nachvollziehbares Problem darstellt.
Aber das kann einem auch passieren, wenn man zu Hause bleibt. Es passiert dann eben nur langsamer, während man bei einer Rückkehr in die vertraute Heimat von einen auf den anderen Tag damit konfrontiert wird.
„Das Leben ist kein Ponyhof“ oder wie sagt man so schön?
Also eigentlich nichts dran an diesem viel beschriebenen Phänomen, es handelt sich einfach nur um den Zahn der Zeit.
Nun, dann bleibt eigentlich nur noch eins zu sagen: „reisst Euch zusammen Ihr Würstchen“. ;-)

Lass es ein Mobiltelefon gewesen sein

Es ist wieder kalt geworden. -8 Grad und teilweise Sturmböen, die enen aus den Schuhen ziehen wollen.
Es ist wieder ein Katalog mit Benimm-Regeln herausgekommen, den die chinesische Regierung reiselustigen Landsleuten vorlegt, um das Ansehen des grossen Reiches in der übrigen Welt nicht unnötig zu verschlechtern.
Ganze 64 Seiten fasst er, heisst übersetzt „Leitfaden für den wohlerzogenen Touristen“ und beschreibt, was man in fremden Ländern auf gar keinen Fall tun sollte.
Anlass für derartige Aktionen gibt es viele, der eigentliche Auslöser war wohl ein chinesischer Tourist, der sich mit einem eingeritzten Graffiti in den alten Steinblöcken der Cheops-Pyramide bei den Ägyptischen Behörden äusserst unbeliebt gemacht hat.
Und somit wurde bereits zum zweiten Mal ein Leitfaden herausgegeben, der dann auch tatsächlich (mehr oder weniger) bindend ist. Denn es ist durchaus erwünscht, dass touristisches Fehlverhalten von Chinesen im Ausland gemeldet wird und geahndet werden kann. Ganz im Sinne des durchaus fragwürdigen Ausspruchs „Melden macht frei“, der bereits zu Wehrpflichtzeiten bei der deutschen Bundeswehr kursierte. Es gibt auch eine passende Preisliste dazu.
Nicht in der Nase bohren oder mit den Fingern zwischen den Zähnen pulen, keine Fussabdrücke auf Klobrillen hinterlassen, nicht mit dem Finger nach dem Kellner schnipsen, nicht ins Schwimmbecken pinkeln und nicht die Schwimmweste aus dem Flieger mitnehmen. Die Liste ist lang.
Aber sind wir einmal ehrlich: Leute, die diese Art von Anweisungen brauchen gibt es doch überall. Als ganz extremes Beispiel erinnere ich bloss an deutsche Reisegruppen auf dem Weg nach Mallorca. Bereits im Flughafen, wenn man sie am gegenüberliegenden Gate sieht und vor allen Dingen hört, wünscht man sich, die Sicherheitskontrollen am Flughafen würden das Mitbringen von Handfeuerwaffen gestatten. ;-)
Und wie verhalten sich einige westliche Touristen in Thailand oder den Philippinen ? Nur weil man auf Grund des Wechselkurses vergleichsweise viel Geld zur Verfügung hat, muss man sich nicht gleich aufführen wie ein notgeiler Aristokrat auf dem Sklavenmarkt.
Dass ausgerechnet Chinesen kein gutes Benehmen haben, halte ich für ein immer wieder heraufbeschworenes Vorurteil.
Es gibt natürlich immer wieder diese Situationen, wenn die Frau im Nachbarsitz des Fliegers sich auf dem ausklappbaren Tischchen die Zehennägel schneidet oder ähnliches.
Und gefühlt mag es auch so erscheinen, dass es immer wieder Chinesen sind, die sich daneben benehmen, aber betrachten wir auch einmal die Umstände:
Erstens gibt es viele Verhaltensweisen, die lokal unterschiedlich sind. Und mal ganz ehrlich: Ob jemand beim essen der Suppe schlürft oder nicht ist jetzt, wie ich finde, kein wirkliches Problem.
Zweitens gibt es natürlich seit kurzer Zeit unglaublich viele Chinesen die ins Ausland reisen. Da kommen dann direkt zwei Dinge zusammen:
Der Umstand dass es viele Menschen sind bedeutet natürlich auch, dass entsprechend mehr Leute mit schlechten Manieren oder Angewohnheiten darunter sind, was dann den Eindruck erweckt der prozentuale Anteil wäre wesentlich höher, als er tatsächlich ist.
Und der Umstand, dass Chinesen meist gezwungen sind in Reisegruppen zu reisen. Sie wissen selbst, wie das in einer Reisegruppe ist: Man nimmt die Heimat quasi mit auf Reisen (womit wir noch einmal auf die Mallorca Reisegruppe verweisen, die noch immer auf den Flieger wartet und lautstark Ballermann-Lieder grölt).
Deutsche reservieren sich zum Beispiel durch ein Handtuch auf der Liege am Pool bereits vor dem Frühstück die besten Plätze, was dem Ansehen der Deutschen in anderen Ländern ebenfalls einen negativen Trend verpasst.
Es gibt natürlich auch einen chinesischen Trend, den wir im Artikel [[Wenn der Bauer mal muss]] angesprochen hatten: Die fehlenden Manieren auf Grund der Auswirkungen der Ein-Kind-Politik, allerdings ist es auffällig, dass es gar nicht diese Generation ist, die sich im Ausland daneben benimmt, da sie bereits in Schule und Studium mit anderen Sprachen und Kulturen in Berührung gekommen sind (wenn sie wollen, können sie und wissen auch wie sie sich zu benehmen haben).
Man erzählt sich immer wieder, dass der Grossteil der Chinesen ungeniert in der Öffentlichkeit rülpst und furzt, aber wenn man genau hinschaut, sind es bloss ein paar wenige. Meist sind sie vom Land in die Stadt gefahren um jemanden zu besuchen, ins Krankenhaus zu gehen, Dinge zu kaufen, verkaufen oder einfach eine Sightseeingtour zu machen.
Auch wenn es so erscheint, als wären es unglaublich viele Leute die sich so benehmen, ist es auf die Menge gesehen eben doch bloss die Ausnahme.
Und sind wir ehrlich: diese Leute, die zum Beispiel in der Öffentlichkeit einen fahren lassen, gibt es überall, auch bei uns.
Vielleicht kennen Sie diese Situation, wenn man im Gedränge in der U-Bahn steht, wenn man den Rucksack des Vordermanns in den Rippen und den schwitzenden Körper des Hintermanns eng am eigenen Körper spürt.
Dann plötzlich vibriert es irgendwo kurz und man denkt sich: „Lieber Gott, lass es ein Mobiltelefon gewesen sein“.
Das und ähnliches gibt es definitiv auch bei uns.

Hempels Sofa

Die Herkunft der Redewendung „Hier sieht's ja aus wie bei Hempels unter'm Sofa“ ist nicht bekannt.
Wahrscheinlich stammt sie nicht von einer real existierenden Familie mit dem Namen „Hempel“.
Martin Luther nutzte die Bezeichnung „grober Hempel“, um einen unkultivierten und einfältigen Menschen zu bezeichnen. Heute in abgewandelter Form noch als Hampelmann bekannt. Die Vermutung liegt also nahe, dass sie hier ihren Ursprung haben könnte.
„Hempels Sofa“ wird hin und wieder auch als „Hempels Bett“ oder „Hempels Küche“ bezeichnet, aber bleiben wir einfach mal beim Sofa (Ich habe einen schönen Artikel von Gérard Foussier für Karambolage bei Arte dazu gefunden, aus dem ich Auszugweise gerne ein paar Stücke einstreuen möchte):
Das Sofa kam Ende des 17ten Jahrhunderts auf, und war nicht viel mehr als eine gepolsterte Bank.
Laut Lexika jener Zeit ein Ruhebett mit drei Lehnen, auf dem man sitzt.
Ursprünglich ist Sofa nämlich ein arabisches Wort und bezeichnet ein Kissen.
In Frankreich nannte man es Im 18ten Jahrhundert dann vermehrt „Divan“. Ein türkisches Wort, das eigentlich einen Raum in reichen Häusern bezeichnet, mit Sitzkissen.
Die Deutschen übernahmen diese Mode und machten aus dem „v“ ein „w“ (sieht halt deutscher aus).
Ganz so einfach ist es dann aber doch wieder nicht, denn offiziell bezeichnet „Diwan“ einen langen Sitz ohne Lehnen, während ein Sofa eine Rücken- und zwei Armlehnen hat. Aber sind wir ehrlich: Das sind bloss Kleinigkeiten, das Sitzmöbel ist und bleibt ein Sofa (oder eben Divan).
Das verhält sich genau wie beim Farbspektrum. Man kann Farben mit so Klangvollen Namen wie Smaragt, Minze, Moos, Lorbeer, Limone und Avokado kreieren, sie gehören dennoch alle zur Farbfamilie von Grün (Ein Thema das Frauen und Männer in der Regel kontrovers betrachten). ;-)
Irgendwann nannte man das Sitzmöbel in Frankreich, so wie auch in weiten Teilen Deutschlands „Canapé“, oder eben „Kanapee“ eingedeutscht.
„Canapé“ wiederum ist ein griechisches Wort und bedeutet Mückennetz. Offensichtlich war man bei der Wortwahl für dieses Möbel sehr darauf bedacht das Objekt selber nicht zu beschreiben. ;-)
Noch später wurde vermehrt ein englisches Wort gebraucht um das Sofa zu beschreiben, die „Couch“, welche sich aus dem französischen Verb „coucher“, also „hinlegen“ ableitet.
Möbelspezialisten verwenden all diese Begriffe für Sitzmöbel, deren Unterschiede sich dem Otto-Normalverbraucher in der Regel nicht erschliessen.
Schwenken wir jetzt aber wieder zu China: Mir fällt immer wieder auf, dass Chinesen in ihrem Wohnzimmer oder einem Gemeinschaftszimmer, wenn sie eines haben, riesige Sofas und Sessel bevorzugen.
Wenn man sich hineinsetzt, kommt man sich irgendwie verloren vor. Und sie sind in der Regel nicht einmal bequem, einfach nur gross (oder protzig, wie man bei uns sagen würde).
Ich bin mir nicht sicher, ob man damit einen sozialen Status markieren will, oder nicht.
Denn vergleichbares ist mir schon in chinesischen Firmen aufgefallen. Die Mitarbeiter arbeiten alle auf dem gleichen Modell Bürostuhl, während der Chef / Manager in einem überdimensionalen Sessel sitzt.
In China durchaus normal, wirkt es auf Ausländer doch immer wieder skurril an der Grenze des lachhaften.
Allerdings ist das natürlich wieder nur die Sichtweise eines Deutschen. Denn auch in anderen Ländern ist es durchaus normal ein wenig zu protzen, wenn man es denn kann.
Dass nicht jeder so verhalten mit seinem Vermögen bzw. seiner Stellung umgeht wie in Deutschland, ist mir immer wieder in Amerika aufgefallen. Autos und Armbanduhren, die so gross sind, dass man sie kaum noch praktikabel bedienen kann sind ein Trend, der sich glücklicherweise nur langsam seinen Weg nach Deutschland bahnt.
Wie auch immer. Grosse Möbel scheinen in China Chefsache zu sein und ich komme nicht umhin zu vermuten, dass man sich selber vermutlich ebenso ein wenig wie ein Chef fühlen möchte, wenn man zu Hause auf den unbequemen Möbeln Platz nimmt.
Bleibt nur zu hoffen, dass es unter dem Sofa sauberer ist als bei den Hempels zu Hause.

Schrödingers Katze

Als ich mich vor zwei Tagen in der Mittagspause auf dem Weg zu meinem favorisierten Schnellimbiss befand, kam ich wieder an einem kleinen Laden vorbei, der, wie gewohnt, seine Lautsprecher auch nach draussen auf die Strasse gerichtet hat um Kunden anzulocken.
Aber anstatt der sich endlos wiederholenden Produktansagen oder der chinesischen Popmusik, die üblicherweise aus den Boxen dröhnen, war ich dieses Mal umgeben von bekannten und versöhnlichen Klängen.
Es lief, in dezenter Lautstärke, das Stück „Hold on“ von Tom Waits.
Und da auch ich dieses Stück zu meinen persönlichen Favoriten zähle, lief mir trotz der Sommerhitze ein leichter Schauer über den Rücken. Dieser Tag war schon einmal gerettet. :-)
Leider sieht nicht jeder die Musik von Tom Waits, so wie ich es tue. Viele Leute mögen seine zugegeben etwas ungewöhnliche Stimme nicht und tun seine Stücke partout als Schund ab.
„So etwas ist doch keine Kunst. Das hört sich ja an wie ein kehlkopfkranker Hund.“
Nun, zumindest beim ersten Teil muss ich ihnen, wenn auch widerwillig, Recht geben, denn man kann nicht erzwingen, dass jeder die gleichen Dinge als Kunst ansieht.
Kunst entsteht ja, wie wir alle wissen, im Auge des Betrachters. Auch wenn einige Menschen das so nicht wahr haben wollen.
Es ist aber tatsächlich so, dass auch grosse Kunstwerke wie das Bild Guernica, eines der bekanntesten Werke Pablo Picassos, das 1937 entstanden ist, völlig unabhängig von ihrer Geschichte, Bedeutung und der Meinung der Kritiker, für einige Menschen persönlich einfach keine Kunst sind. Und das völlig unabhängig von der handwerklichen Qualität des Objekts.
Jeder Mensch entscheidet für sich selber ob es Kunst ist, oder auch wie er es interpretieren möchte.
Das ist ja gerade das Schöne. Der Künstler gibt eine Richtung vor, der man selber aber nicht zwangsläufig folgen muss. Und man kann seine Meinung natürlich auch jederzeit ändern (ein Phänomen, das im Zusammenspiel mit Jazzmusik und dem Alter des Zuhörers oft zu beobachten ist).
Mit diesem Wissen macht ein Besuch im Museum direkt doppelt so viel Spass. Das bedeutet nämlich, dass ich mir zu jedem Werk meine eigenen Gedanken machen kann, ohne dass es falsch ist, so wie es uns die Lehrer in der Schule früher immer einreden wollten.
Natürlich gibt es immer eine Hintergrundgeschichte zu jedem Kunstwerk. Aber die ist ja nicht bindend.
Wenn jemand „Die Geburt der Venus“ von Sandro Botticelli als Schweinkram ansieht, weil zu viel nackte Haut zu sehen ist, dann ist das einfach so.
Zugegeben, das ist eine ziemliche schräge Ansichtsweise, aber jeder entscheidet ja für sich selbst was Kunst oder auch was unanständig ist.
Die Gedanken sind frei“ ist ein noch weiter gefasster Spruch, der etwas ähnliches aussagt.
Ebenso wie Kunst im Auge des Betrachters entsteht, verhält es sich mit der Geschwindigkeit, wie wir spätestens seit Albert Einstein wissen.
Bewegt man sich in einem Zug in Fahrtrichtung, kommt einem die persönliche Geschwindigkeit genau so vor, als würde man auf der Strasse laufen, obwohl man die Geschwindigkeit des Zuges ja zu der eigenen hinzurechnen müsste.
Ein Trugschluss, auf dem viele Anhänger der „Flat Earth Society“ ihre Begründungen für angebliche Beweise bauen, dass die Erde eine Scheibe sei. Die Behauptung ist: „Wenn die Erde eine Kugel wäre und rotiert, dann dürften die Seen nicht still sein, sondern müssten auslaufen“.
Auch hier ist wieder der Trick den Zusammenhang zu sehen und die Bezugspunkte richtig zu setzen.
Natürlich hat Rotation grundsätzlich Einfluss auf Wasser. Der Vergleich mit dem Wasserglas hinkt aber, da sich hier der Gravitationspunkt ausserhalb des rotierenden Objektes befindet.
Aber auch hier gilt natürlich: „Die Gedanken sind frei“. Jeder Mensch darf so gebildet, naiv, schlau, unwissend sein wie er möchte (Er sollte dann aber bitte bei der Berufswahl Abstand von bestimmten Berufsgruppen wie Pilot oder ähnlichen nehmen).
Aber grundsätzlich kann man und sollte man Theorien hinterfragen. Dabei kommen teils recht aberwitzige Ideen zu Tage. So wie diese hier:
Wenn man davon ausgeht, dass ein Lebewesen, das gezüchtet wird (zum Beispiel als Zootier oder als Schlachtvieh) nicht realisiert, dass es zu einem bestimmten Zweck in einer unnatürlichen Umgebung aufwächst, dann ist es durchaus vorstellbar, dass wir (die Menschen) von den Pflanzen gezüchtet werden. Und zwar als Futter.
Sie ernähren uns, geben uns Sauerstoff und wenn wir ausgewachsen und „reif“ sind und endlich sterben, ernähren sie sich von uns. Alles eine Frage des Blickwinkels. ;-)
Aber zurück zum Thema: Was wir als Kunst, unanständig oder normal ansehen, hat erst einmal mit den persönlichen Vorlieben zu tun.
Diese sind allerdings auch nicht frei von Beeinflussung. Die Umwelt und in besonderem Maße die Kultur in der wir uns bewegen haben sehr grossen Einfluss auf deren Ausprägungen.
Ob wir Schimmelkäse mögen oder 100-jährige Eier (kennen wir ja noch aus dem Artikel [[da ist doch was faul]]), das ist eben nicht alleine die eigene Entscheidung, sondern auch abhängig von der kleinen Welt in der wir uns bewegen und deren Einfluss. Auch hier gibt es kein „richtig“ oder „falsch“, es sind Vorlieben, Gewohnheiten und Erlerntes.
Genau so wie der unabdingbare Glaube, dass die Religion der man angehört die einzig richtige sei.
Immer wieder gerne werden auch politische Systeme miteinander verglichen so wie die Demokratie und der Kommunismus. Und jedes mal gleicht es einem Glaubenskrieg, wenn die Parteien sich gegenseitig versuchen zu überzeugen, welches System das bessere sei.
Vergessen wird dabei immer, dass jedes dieser Systeme für sich erst einmal ein wunderbares, theoretisches Konstrukt ist, in dem Menschen bestmöglich miteinander auskommen sollen.
Im richtigen Leben kommt dann leider die menschliche Komponente hinzu und es zeigt sich, dass sich in jedem dieser Systeme immer wieder die gleichen Probleme herauskristallieren.
Denn egal ob Demokratie, Kommunismus oder sonstige Gebilde, sie müssen in der wirklichen Welt mit marktwirtschaftlichen oder anderen Systemen in Einklang gebracht werden und das ist nicht immer problemlos möglich.
Es gibt immer einige wenige Menschen, die Sonderpositionen einnehmen können, was unweigerlich zu Problemen führt.
Ich bin kein grosser Freund von politischen Diskussionen, denn ich bin der Meinung, dass der Fokus hier vom Eigentlichen, dem Menschen selbst, nur abgelenkt wird. Politik mag notwendig, aber etwas schönes wird sie niemals sein (was natürlich auch nur wieder meine persönliche Meinung widerspiegelt).
Das liegt natürlich zu einem gewissen Teil auch daran, dass sie versuchen muss einheitliche Standards für unterschiedliche Menschen zu schaffen. Die Alternative wäre die Anarchie, die natürlich ihrerseits genau die gleichen Probleme hervorbringt: Einige Menschen, die Sonderpositionen besetzen.
Wie man es auch dreht und wendet, man kann zu jedem Thema Gutes und Schlechtes finden, entscheident ist eigentlich nur worauf man sich mehr konzentriert. Gut oder Schlecht, Kunst oder auch Nicht-Kunst, es ist alles relativ.
Die wirkliche Kunst besteht, ganz einfach gesagt, darin einen Mittelweg zu finden, mit dem der Grossteil der Betroffenen zufrieden ist. Und dann darf wieder jeder für sich selber entscheiden, was er davon hält. Eben so wie bei den Kunstobjekten.
Die Frage, ob ein Ojbekt Kunst ist, oder nicht, entscheidet sich, genau genommen immer dann, wenn sich jemand diese Frage stellt und sie für sich persönlich beantwortet.
„Ja, das ist Kunst“ oder „Das ist doch bloss Gekritzel“ oder ähnliches bestimmen dann individuell, genau in diesem Moment, ob es Kunst ist, oder eben nicht. Vorher ist es unbestimmt.
So wie Schrödingers Katze erst tot bzw. lebendig ist, nachdem man nachgeschaut hat. Vorher ist sie in einem unbestimmten Zustand.
Für alle, die mit Schrödingers Katze so nichts anfangen können: Es ist ein Gedankenexperiment aus der Physik von Erwin Schrödinger, das quantenmechanische Theorien, wie sie auf atomarer Ebene vermutet werden, auf unseren Alltag abbildet.
In einem geschlossenen Raum sollen sich eine Katze und ein instabiler Atomkern befinden, der innerhalb einer bestimmten Zeitspanne mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zerfällt.
So bald der Atomkern zerfällt, würde ein Geigerzähler dies messen und ein Giftgas freisetzen, das die Katze tötet.
Das Problem ist nun folgendes: Kleine Teilchen, wie ein Elektron zum Beispiel befinden sich, so lange sie nicht gemessen werden auf Grund der Theorie der Quantenphysik in einer sogenannten Superposition, also einem unbestimmten Zustand, der es ihnen theoretisch erlaubt sich an unterschiedlichen Positionen gleichzeitig zu befinden.
Somit wäre auch der Atomkern, bevor wir nachsehen, also messen (deshalb der geschlossene Raum) gleichzeitig zerfallen und nicht zerfallen.
Die Apparatur würde also die Katze töten und nicht töten, die Katze wäre also tot und lebendig, was ja in unserer Welt mit den hier bestehenden physikalischen Gesetzen nicht in Einklang zu bringen ist.
Dieses Paradoxon veranschaulicht sehr schön, dass sich nicht alle physikalischen Theorien unbedingt miteinander verbinden lassen.
Aber lassen wir das physikalische Problem mal auf Seite, so ist es ein schönes Bild um zu zeigen, dass einige Dinge einfach unbestimmt sind, so lange bis man sie irgendwo einordnet.
Ein Objekt ist also ein Kunstwerk und auch kein Kunstwerk, so lange bis wir uns die Frage stellen: „ist das für mich Kunst ?“ So lange wir nicht nachfragen, bzw. nachschauen ist es wie es ist. Eben unbestimmt.
Ebenso verhält es sich auch mit Gewohnheiten oder kulturellen Vorlieben. Es ist gleichzeitig Kunst und nicht Kunst, oder tot und lebendig oder gleichzeitig Schimmelkäse und 100-järiges Ei.
Was können wir daraus also lernen ? Dass es immer mehr als eine Wahrheit gibt zum Beispiel. Dass es die eigene Position nicht schwächt, wenn man sich den Blickwinkel der anderen Partei einmal zu eigen macht, sondern vielmehr stärkt indem man die wirklich wichtigen Dinge von den Vorlieben und dem Erlernten trennen kann.
Und dass es für die Katze keinen grossen Unterschied macht, da sie ja eh sieben Leben hat (oder neun, je nach Quelle).

Was nicht tötet, härtet ab

Der Umstand, dass meine ersten Kinderfotos noch in schwarz/weiss sind, zeigt schon dass ich inzwischen auch nicht mehr zu den Jüngsten gehöre.
Ich bin noch gross geworden mit schlauen Sprüchen wie „Dreck reinigt den Magen“.
Wenn man diesen Satz tatsächlich einmal hinterfragt, merkt man schnell, dass er eigentlich unsinnig ist. Es gibt keine fundierte Studie, die so etwas behauptet.
Der Spruch meint vielmehr, dass es nicht schlimm ist wenn man einmal etwas Dreck isst, sondern es vielmehr sogar die Abwehrkräfte stärken kann („kann“ ist hier das zu beachtende Wort).
„Was nicht tötet, härtet ab“ ist ein ähnlicher Spruch. Eine Weisheit, die ähnlich dem Sinnspruch „Man kann alle Pilze essen, manche eben nur einmal“ trotz ihrer bösen und doch lustigen Aussage durchaus richtig ist.
Ein Spruch, den deutsche Eltern immer wieder gebraucht haben, um dem Nachwuchs zu zeigen, dass man nicht unbedingt vor allem Angst haben muss. In diesem Fall eben etwas zu essen, das man eigentlich nicht essen sollte.
In einer kontrollierten Umgebung wie Deutschland ein durchaus richtiges Leitmotiv für die Kindererziehung.
Der Satz „Was nicht tötet, härtet ab“ hat auch in China seine Gültigkeit, allerdings gibt es hier weit mehr Dinge, die einen tatsächlich töten können (den Dreck auf dem Spielplatz mit eingeschlossen).
Das ist eine traurige Wahrheit, die Eltern in China tatsächlich schon erleben mussten. Umweltgifte in den Grünanlagen, gesundheitlich bedenkliche Luftwerte, ungesicherte Gefahrenstellen in der Nähe von Baustellen oder im Strassenverkehr, der chaotische Strassenverkehr selber... Es gibt unzählige Gefahren, denen Kinder in China ausgesetzt sind.
Was dann auch erklärt, warum Kinder in chinesischen Großstädten nicht nur Stubenhocker, sondern auch über die Maßen bemuttert sind.
Grosserer, elterlicher Einfluss mit Stubenhockerqualitäten bei einem extremen Schulsystem (bin ich ja schon mehrfach darauf eingegangen) bringen natürlich eine Menge an guten Schülern hervor.
Denn machen wir uns nichts vor: Auch wenn Firmen weltweit Chinesen nur bedingt einstellen, da sie auf Grund des chinesischen Schulsystems oft Dinge wie Eigeninitiative und Kreativität vermissen lassen, so gehören chinesische Studenten, die die Möglichkeit bekommen im Ausland zu studieren und diese Dinge nachzuholen, auf Grund ihrer kompromisslosen Fähigkeit hart zu pauken, stets zu der Elite an den Universitären.
Ich muss jetzt aber doch wieder umschwenken und den Fokus auf etwas anderes legen.
Ursprünglich sollte dieser Artikel in eine andere Richtung gehen, etwas lustiger sein, aber jüngste Umstände haben ihn dann doch in diese Richtung gelenkt.
Nach dem Kinder-Milchpulver-Skandal, dem künstlichen Reis und etlichem anderen, gab es kürzlich wieder einen Skandal. Und wieder hat es die Jüngsten getroffen.
Es gibt einen Impfmittelskandal. Das heisst, dass es diesmal wirklich wieder Kleinkinder getroffen hat.
China lässt ausländische Impfstoffe nur bedingt ins Land. Es gibt absurd hohe Auflagen.
Die landeseigenen Impfstoffe dagegen erreichen oft nicht einmal die notwendigen qualitativen Voraussetzungen um von der Weltgesundheitsorganisation WHO (World health organisation) als Spende für die Behandlung in der dritten Welt zugelassen zu werden.
Offensichtlich nicht ganz zu Unrecht, denn in einigen Provinzen ist es auf Grund von Impfstoffen bereits zu Todesfällen bei Kleinkindern gekommen.
Sie können sich sicherlich vorstellen, dass auch wir jetzt eine Riesenangst haben, die nächsten anstehenden Impfungen für unseren Sohn in China durchführen zu lasen.
Wir wägen also Reisen nach Hong Kong und Deutschland gegeneinander ab und versuchen einen Plan zu erstellen, um den Impfplan einhalten zu können, ohne dass wir auf chinesische Impfstoffe zurückgreifen müssen.
Die ersten Probleme gab es direkt beim Kinderarzt in Deutschland. In China wird teilweise ab einem anderen Alter geimpft und die meisten Impfungen sind kombinierte Wirkstoffe, die gleich mehrere Krankheiten abdecken.
Allerdings ist die Zusammenstellung in beiden Ländern oft eine andere. Dazu kommt, dass es Impfungen in China gibt, die in Deutschland nicht geimpft werden.
Die Japanische Enzephalitis zum Beispiel. Sie ist in Deutschland eine Reiseimpfung und ist beim normalen Kinderarzt nicht zu bekommen.
Ausserdem gibt es in Deutschland Impfungen, die in China nicht geimpft werden (Keuchhusten zum Beispiel).
Den Keuchhusten gibt es beim Kinderarzt aber nicht als Einzelimpfung. Der Wirkstoff wird zusammen mit vier anderen verabreicht.
Dann muss man natürlich schauen, ob das Probleme macht mit den Impfungen, die das Kind schon bekommen hat.
Wir haben eigens dafür die Impfunterlagen aus dem Chinesischen ins Englische übersetzen lassen (Windpocken heissen übrigens chicken pox).
Sie sehen schon: Leben in China ist tatsächlich ein Abenteuer. Es wird nie langweilig und ist leider viel zu oft richtig gefährlich.