Skip to content

Wabbelig, glitschig, klebrig und leicht zäh

Noch bevor ich nach China gezogen bin um dort zu leben und zu arbeiten, habe ich ein-einhalb Jahre in China gelebt um dort Chinesisch zu lernen.
Noch weiter davor bin ich immer wieder nach China geflogen um dort, ganz klassisch touristisch, Urlaub zu machen und mir das Land anzusehen.
Und noch weiter davor, zu Anfang meiner Reisen nach China (es muss irgendwann zwischen 1990 und 2000 gewesen sein) gab es eine Rundreise quer durch das Reich der Mitte die ich gebucht habe:
Einen Monat lang durch China, jeden bzw. manchmal auch jeden zweiten Tag mit dem Flugzeug woanders hin.
Man hat vor Ort immer einen einheimischen Führer, der einen vom Flughafen abholt und herumführt.
Ich habe viel gesehen, das steht ausser Frage. So gut wie nichts tatsächlich verstanden (bzw. nur auf eine typisch oberflächlich touristische Art und Weise), aber viel gesehen.
Und das ist ja auch nicht weiter schlimm, ich habe ja in den darauf folgenden Jahren mein Wissen um China immer weiter vertieft.
Über eine Sache, die ich damals erfahren habe, möchte ich heute gerne sprechen und es geht wieder mal ums Essen. ;-)
Einer unserer Reiseführer hat es sich nicht nehmen lassen uns, entgegen den allgemein gültigen Verhaltensregeln für Fremdenführer in China, die wahrscheinlich so einen Satz wie „Ausländer essen nur ganz einfache Speisen, bestellen sie niemals etwas schmackhaftes oder typisch chinesisches“ enthalten müssen, doch seine Lieblingsgerichte im Restaurant zu bestellen.
Es war wiklich sehr gut. Von Krabben in scharfer Sosse über frittierte Gemüsestückchen bis hin zu einer Speise die mich damals total überrascht hat.
Bis heute noch empfinde ich sie als leicht seltsam, obwohl ich sie inzwischen schon oft gegessen habe.
Die Rede ist von 元宵 (yuán xiāo) oder übersetzt dem Klebreisklößchen.
Vor kurzem war das Laternenfest, das wir im Artikel [[Lampen an]] schon mal besprochen hatten, zu diesem Anlass gab es sie auch bei uns zu Hause hier in Deutschland.
Das interessante daran ist, dass sie in einer Suppe bzw. Sosse schwimmend daherkommen, die wiederum nicht viel mehr als geschmacklich leicht aufgepepptes Wasser zu sein scheint.
Es ist weich, wie ein gekauter Kaugummi, den man in eine Schale Wasser legt und sieht auch ein wenig so aus.
Tatsächlich handelt es sich hier aber um eine Kugel aus Klebreis. Oder um es genauer zu sagen: Der Reis wird zu Mehl gemahlen und dann daraus die Kugel geformt.
Diese ist gefüllt mit einer Paste aus Sesamkörnern bzw. Erdnüssen und Zucker. Es ist eine Süßspeise.
Eine sehr interessante Erfahrung, so wohl geschmacklich als auch von der Textur her.
Wabbelig, glitschig, klebrig und leicht zäh wenn man versucht etwas abzubeißen.
So etwas gibt es in der deutschen Küche so definitiv nicht.
Kann ich jedem Chinareisenden nur wärmstens ans Herz legen. Muss man einfach mal probiert haben.
Man kann sie übrigens auch tiefgekühlt im Asiatischen Supermarkt in Deutschland kaufen.

Willkommen im Club

Wenn man auf Wikipedia nach dem Begriff „heilige Schrift“ sucht, bekommt man eine Vielzahl an Ergebnissen.
Aber um Tanach, Talmud, altes- und neues Testament, Koran, Hadith, Ketāb-e Aqdas, Ketāb-e Īqān, Veda, Bhagavad Gita, die Puranas, Adi Granth, Pali-Kanon, Kanjur und Tanjur, 道德經 (dào dé jīng), 南華經 (nán huā jīng), 道藏 (dào zàng), die 五經 (wǔ jīng), die 四书 (sì shū), Kojiki (古事記), Nihonshoki (日本書紀), Avesta, das Buch Mormon, Lehre und Bündnisse, die Köstliche Perle, Liber AL vel Legis und das Buch der Schatten soll es heute nicht gehen.
Mir ist aufgefallen, dass viele Leute mit denen ich mich unterhalte, ein falsches Verständnis haben, was die chinesische Sprache angeht.
Das liegt ganz einfach daran, dass man es gar nicht so leicht in Worte fassen kann. Aber ich will es trotzdem noch einmal versuchen:
Wenn man ihnen erzählt dass man knapp 3000 chinesische Zeichen auswendig lernen muss um eine normale Zeitung lesen zu können, dann stellen sie sich meist 3000 Bilder vor, die man im Kopf gespeichert hat. Aber ganz so funktioniert es dann doch nicht.
Fangen wir am besten mal ganz von vorne an:
Umfassende Wörterbücher des Chinesischen kennen so um die 70.000 Wörter. Das sind immer noch nicht alle die es gibt, aber schon mal definitiv mehr als ein Mensch in der Regel lernen kann.
Extrem hoch gebildete Menschen haben auch nur so etwas um die 7000 Zeichen in ihrem aktiven Gedächtnis, der durchschnittliche, gebildete Chinese der Mittelschicht so um die 2000 bis 3000.
Aber das System, um sich diese Zeichen alle merken zu können ist doch ein wenig einfacher als man sich das gemeinhin vorstellt (es ist aber trotzdem noch schwierig genug).
Es gibt etwa ein Dutzend unterschiedlich geformte Striche, aus denen man etwas mehr als 200 Module bilden kann (die sogenannten Radikale).
Radikale können die Herkunft eines Wortes beschreiben, entweder vom Sinn her, oder phonetisch.
Somit hat man schon mal einen Anhaltspunkt, der das Lernen etwas einfacher gestaltet.
Ausserdem wurde das Rad nicht immer wieder neu erfunden, sondern Radikale und Gruppen von Zeichen immer wieder verwendet.
Somit kann man sich ganze Zeichenkonstrukte leichter merken.
Wenn man das alles verstanden hat, kann man sich vorstellen dass man, wenn man ein chinesisches Schriftzeichen sieht, unbewusst bereits die Zeichen aus denen es zusammengesetzt ist im Kopf verarbeitet und man bekommt, selbst wenn man das Zeichen nicht lesen kann, eine Ahnung davon um was es sich handeln könnte.
Oft lässt man sich aber auch damit ablenken und denkt in eine ganz falsche Richtung.
Gerade dann wenn man schon ein wenig Ahnung hat, aber eben noch nicht genug, um den vollen Umfang zu erfassen. Das „gefährliche Halbwissen“, so wie ich es gerne nenne.
Mir passiert das zum Beispiel andauernd, egal ob ich versuche die Werbebotschaften auf den Hochhäusern, die Zeitung oder den Text eines Reiseführers zu entziffern.
Der Künstler 徐冰 (xú bīng) hat dieses Phänomen, das man als Ausländer ganz oft hat, auch für alle Chinesen fassbar gemacht.
Er hat in seinem Werk 天书 (tiān shū) von 1988, was mit „Buch vom Himmel“ oder „Göttliche Schrift“ übersetzt werden kann, 4000 chinesiche Schriftzeichen neu erschaffen, die zwar alle den Regeln der chinesischen Schrift folgen, die es aber eigentlich nicht gibt.
Somit hat er einen Text geschrieben der einem Muttersprachler irgendwie vertraut vorkommen muss, den er aber trotzdem nicht lesen kann.
Da belibt mir nur noch zu sagen: „Willkommen im Club.“

Die Marktschreier von heute

Wenn ich die alten Posts in meinem Blog lese, wird mir wieder bewusst, wie anpassungsfähig der Mensch doch ist, bzw. wie sehr unsere Wahrnehmung von unserer Umwelt abhängt.
Ich erinnere mich noch daran dass es für mich komisch war wieder zurück nach Deutschland zu kommen, da alles irgendwie bekannt, aber doch ganz weit weg war.
Aber jetzt kann ich dieses Gefühl nicht mehr abrufen, es ist nur noch eine Erinnerung, fast so als würde sie jemandem anderen gehören.
Ich bin wieder ganz in das Leben in Deutschland eingetaucht und alles ist wieder normal und fühlt sich alternativlos an, obwohl ich genau weiß dass das nicht der Wahrheit entspricht.
Das jetzige Gefühl ist also quasi genau das gegenteilige Gefühl von dem, das ich hatte so lange ich in China gelebt habe und von dem ich in diesem Blog immer wieder erzählen wollte.
Es ist schon wieder viel Zeit vergangen und es hat sich nicht viel getan.
Wir können immer noch nicht wieder nach China reisen, Corona ist immer noch ein Thema und wir hoffen von Impfung zu Impfung um zumindest das Schlimmste abzuwenden.
Vor einigen Tagen war das Laba Fest (腊八 là bā), das wir ja noch aus dem Artikel [[Das Laba-Fest (腊八 là bā)]] kennen und bald ist wieder chinesisches Neujahr. Das Jahr des Tigers beginnt am 1. Februar 2022.
Alles was uns von China bleibt sind die Verbindungen über die sozialen Medien.
Was würden wir nur ohne sie tun? Ohne Videochat und öffentlicher Pinnwand.
Soziale Medien haben das Zusammenleben und die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb kürzester Zeit für einen grossen Teil der Menschen dramatisch verändert und gehören inzwischen zum guten Ton.
„Social Media ist wie Teenager-Sex. Jeder will es machen. Niemand weiss wirklich wie es geht. Und wenn man dann damit fertig ist, ist man überrascht, dass es nicht besser war“ (Quelle unbekannt).
Und wie es immer so ist bei Dingen die plötzlich populär sind, die Wirtschaft springt auf den Zug auf und macht alles wieder kaputt.
Heute wollen wir uns einmal ein Phänomen anschauen das bei uns immer drastischere Ausmaße annimmt, in China aber zweifelsfrei noch eine Spur schlimmer ist.
Und zwar die Werbung und wie sie Besitz ergriffen hat von Social Media Plattformen.
Der ursprüngliche Gedanke hinter den ganzen Social Media Apps war einmal die Kommunikation.
Eigentlich schon früh in den Anfangsphasen des Internet gab es Programme um sich mit anderen Menschen auszutauschen.
Von Infozeilen auf der Konsole über Emails und Chaträume gibt es inzwischen eine unüberschaubare Fülle an Programmen und Apps.
Ein unumstrittener Powerbooster war, nach etlichen ähnlichen Vorläufern dann Facebook.
Wer hier einen Account hat wird wissen, dass man sich zwischen geposteten Inhalten und untergeschobener Werbung inzwischen fühlt wie in einem Kaufhaus in dem man leise aber konstant mit zum kaufen animiert wird.
Aber auch die Postings und Reposts sind inzwischen, mal mehr, mal weniger unterschwellig, mit Werbebotschaften vollgepackt.
Anderen populären Plattformen wie Twitter, Instagram und wie sie alle heissen geht es da nicht besser.
Inzwischen wird Werbung auch gar nicht mehr von den Marken selber produziert, sondern von sogenannten Influencern (über Sinn und Unsinn dieser Bezeichnung könnte man auch wieder streiten) teilweise subtil, teilweise recht aggressiv unter die Leute gebracht.
So gibt es Bilder vom privaten Sonntagsausflug mit dem Fahrrad für die geneigten Leser (bzw. Follower) wo dann neben den Blumen im Haar und den drapierten Topfpflanzen am Strassenrand auch eine schick in Szene gesetzte Feinwaschmittelflache im Fahrradkorb ihr Debüt feiert.
Nichts funktioniert mehr ohne Werbung, könnte man meinen.
Aber wenn wir einmal ins Land der Mitte schauen, sind all diese Dinge bei uns noch vergleichsweise harmlos.
Eine der einflussreichsten Social Media Plattformen in China ist zweifellos WeChat (微信 wēi xìn).
Obwohl es inzwischen unzählige funktionen und Apps beherbergt, konzentrieren wir uns hier auf die ursprüngliche Chat App.
Menschen können sich gegenseitig zu ihren Freundeslisten hinzufügen und dann neben Textnachrichten auch Bilder und Videos austauschen, telefonieren und videotelefonieren (auch hier gibt es inzwischen noch mehr Funktionen, die sollen uns aber im Moment nicht stören).
Und eine wichtige Funktion neben dem Chat ist noch eine Art schwarzes Brett an dem man seine Bilder oder Videos, Links etc. posten kann, eine Art Mini-Webseite oder Blog wenn man so will.
Sie kennen das: Dies ist der Ort an dem die Leute ihr fotografiertes Essen oder den Ausblick aus dem Hotelzimmer der uninteressierten Masse unter die Nase reiben und verzweifelt auf Smilies, Daumen hoch und Gefällt mir Reaktionen warten.
Inzwischen ist es, gerade auf WeChat, zu einem regelrechten kleinen Marktplatz geworden.
Jeder will Obst direkt vom Erzeuger, Babymilchpulver, Faltencreme oder Glücksarmbänder unter die Leute bringen.
Somit ist eine ursprünglich nette Funktion zu etwas geworden was man sich überhaupt nicht mehr anschauen kann ohne dass das Bedürfnis aufkommt, gelangweilt weiterzuklicken.
Aber hin und wieder findet man dann doch noch die Bilder von alten Bekannten, die das Wochenende dazu genutzt haben eine Fahrradtour in die Aussenbezirke von Beijing zu unternehmen und sieht wer geheiratet oder Kinder bekommen hat.
Es ist nicht alles schlecht, man muss nur immer mehr suchen.

Satz von Cover

Der Satz von Cover ist nach Thomas M. Cover benannt, der eine gemeinsame Professur der Fachbereiche Elektrotechnik und Statistik der Stanford University innehielt.
Der Satz besagt ganz platt gesprochen, dass Datenpunkte die sich in einem niedrig-dimensionalen Raum (z.B. 2 Dimensionen) nicht linear in unterschiedliche Gruppen trennen lassen (also durch eine Linie), sich aber sehr wahrscheinlich in einem höher-dimensionalen Raum in dieser Weise voneinander absetzen lassen (also z.B. in einem 3 dimensionalen Raum durch eine Ebene).
Ausser ein paar Statistikern und Informatikern ist dieser Satz sonst wahrscheinlich noch nie jemandem zu Ohren gekommen, dabei kann man ihn doch so schön auf das Leben projezieren.
Zumindest auf mein Leben lässt sich dieser Satz sehr gut anwenden:
Einige Dinge, die man in jüngeren Jahren nicht lösen konnte, da einem einfach der Überblick gefehlt hat, lassen sich aus einem neuen Blickwinkel ganz einfach bewerkstelligen.
Hilfreich sind die angesammelten Erfahrungen und alles Erlernte um aus einem ehemaligen Problem eine leicht zu erledigende Aufagabe zu machen. Oder etwas das man früher nicht verstanden hat, letztendlich zu vertehen.
Es geht also diesmal um das Alter, Erfahrungen und die kleine Portion Weissheit die man in seinem Leben ansammeln kann.
Dabei ist es eigentlich völlig egal ob es sich um tiefphilosofische Themen oder ganz banale Dinge handelt.
So wie unangenehme Situationen die entstehen, wenn man die falschen Worte wählt. Besonders in einer fremden Sprache.
Oft sind einem nicht alle Redewendungen bekannt und schnell kann man schonmal ungewollt etwas unbeabsichtigtes sagen, das den gegenüber lauthals loslachen, oder zumindest ungläubig stutzen lässt.
Zur Auflockerung habe ich hier wieder ein kleines Beispiel:
破 (pò) bezeichnet etwas kaputtes, das über die Zeit abgenutzt oder sonstwie kaputt gegangen ist.
破鞋 (pò xié) sind also ausgelatschte Schuhe.
Allerdings bezeichnet man damit auch eine (nun sagen wir mal „asserhalb ihrer Beziehung sexuell interessierte“) Frau.
Man sollte also tunlichst aufpassen wenn man tatsächlich über seine kaputten Schuhe sprechen möchte.
搞 (gǎo) frei übersetzt „machen“ ist das passende Verb dazu.
搞破鞋 (gǎo pò xié) würde man also in Neudeutsch mit „herumhuren“ bezeichnen.
Allerdings gibt es diese Bezeichnung nur für Frauen. Männer die herumhuren, werden wie in den meisten anderen Kulturen auch, kaum als etwas negatives wahrgenommen.
Aber wir schweifen wieder ab.

Mein Leben lang hat es mich in die Ferne gezogen, niemals wollte ich still stehen.
Arbeit und manchmal auch Faulheit standen dem Drang oft im Wege, aber er war immer da.
Ich wollte in die Stadt, am besten ins Zentrum, dort wo das Leben ist, wo man nachts nicht schläft.
Wenn man seinen Traum dann einmal erreicht hat, also in einer Stadt mit über 20 Millionen Einwohnern gewohnt hat, die sich die meisten Daheimgebliebenen nicht annähernd ausmalen können, merkt man irgendwann dass es eigentlich nur Umstände macht in so einer Stadt zu leben.
Die Wege sind so lang, dass man den halben Tag damit beschäftigt ist irgendwohin zu fahren, nur um etwas alltägliches zu erledigen und die ständigen Menschenmassen machen das Leben auch nicht angenehmer.
Und dann irgendwann (zumindest in meinem Alter) wünscht man sich ein kleines Zuhause am Stadtrand einer kleinen deutschen Stadt.
irgendwas wo man schnell in die Wanderstiefel springen und kurz über die Strasse im Wald seinen Gedanken hinterherhängen kann.
Beijing ist aufregend und ich bin immer wieder gerne dort und liebe es auch weiterhin die Stadt und alles in ihr und um sie herum zu erkunden, aber ich brauche das nicht mehr täglich. Der Drang ist nicht mehr da.
Ein grosser Punkt auf der „Lebensliste “ ist abgehakt und man braucht sich an dieser Stelle keine Gedanken mehr zu machen, dass man es später einmal bereut diese Erfahrung nicht gemacht zu haben.
Aber wie schon gesagt ändert sich die Sichtweise im Leben nach einer gewissen Zeit (Zumindest tut sie das bei den meisten Menschen).
Nicht dass man plötzlich ganz andere Ansichten vertritt (das mag bei dem einen oder anderen auch vorkommen), sondern vielmehr hier und da ein paar Dinge die sich ändern.
Das kann aus Bequemlichkeit sein, oder weil man gewisse Dinge bereits kennt und deren Erfahrung nicht nocheinmal machen muss oder, oder, oder.
Als ich mich vor inzwischen etlichen Jahren entschlossen hatte nach China zu ziehen, habe ich mich bewusst nicht darauf versteift dass dies ein Abschied für immer sei, da Berichte von anderen Leuten bereits immer wieder davon erzählt haben, dass es nicht möglich sei dort ein Leben zu führen wie man es gewohnt ist.
Trotzdem habe ich mir diese Option offen gehalten und die Möglichkeit dass es doch so kommen könnte, wurde nicht zuletzt durch den Umstand unterstützt, dass ich im Vergleich zu anderen Expats in China doch eine andere Herangehensweise hatte.
So habe ich mich bewusst immer von den Expat-Zusammenkünften fern gehalten, habe Chinesisch gelernt um mit den Einheimischen kommunizieren zu können etc.
Aber es hat sich über die Zeit doch herausgestellt, dass die vielen Berichte von Leuten die zeitweise in China gelebt haben, durchaus richtig sind, zumindest in einigen wesentlichen Punkten.
Man ist als Ausländer in China immer ein Ausländer.
Das hört sich jetzt erst einmal seltsam an. Was das genau bedeutet ist, dass man erstens immer als Ausländer wahrgenommen wird.
Man hat eben kein chinesisches oder asiatischen Aussehen und so wird man dann auch ständig wie ein Tourist behandelt.
Ein Umstand, der mich oft genervt hat. Man gewöhnt sich dran, aber es ist trotzdem anstrengend manchmal.
Und zweitens beeinflusst das Ausländersein in China massiv den Freundeskreis.
Die meisten Chinesen sind zwar nett zu einem, wollen aber am liebsten auch nichts mit einem zu tun haben.
In China wird der Freundeskreis fast ausschliesslich nach dem Prinzip „kann der in irgendeiner Weise nützlich für mich sein“ ausgewählt. Dieses Phänomen hat vor allen Dingen in den letzten Jahren extrem zugenommen.
Und als Ausländer, der vermeintlich eh früher oder später das Land wieder verlässt, hat man in dieser Kathegorie keinen besonders hohen Stellenwert.
Die Freundschaften die man also aufbauen kann sind einerseits die zu anderen Expats.
Und diese Freundschaften sind in der Regel nur gültig, so lange man in der selben Blase lebt.
Kehrt einer wieder nach Hause zurück, wird er auch sofort von allen anderen vergessen.
Oder man baut Freundschaften zu Leuten (Chinesen so wie anderen Ausländern) auf, die man bei irgendwelchen Freizeitaktivitäten kennen gelernt hat (also in der Regel in einer Bar oder einem Pub).
Das ist jetzt nichts verwerfliches, viele Freundschaften beginnen so.
Aber wenn man dann irgendwann einmal heiratet und Kinder hat, verändert sich das Leben doch schon enorm.
Die Freundschaften werden weniger, schon alleine aus dem Grund dass man weniger Zeit hat, und beschränken sich meist auf sehr wenige alte Freunde und ein paar Neue aus dem Umfeld des Kindergartens, der Schule oder dem Fussballclub der Sprösslinge.
Derartige Freundschaften lassen sich als Ausländer in China aber nur sehr schwer finden.
Als Fazit halten wir also fest: Das Leben in China ist aufregend, kann aber im täglichen Leben, vor allen Dingen mit Familie, unnötig beschwerlich sein.
Wer also mit dem Gedanken spielt eine Zeit lang in China zu leben, sollte das am besten tun, so lange er noch keine Familie hat.
Dann hat man einerseits den ganzen Spass und auf der anderen Seite wesentlich weniger Dinge über die man sich Sorgen machen muss.

Post und Zoll

Post und Zoll, ein ewiges Thema.
Bzw. DHL (die ich hier der Einfachheit halber mal als Post bezeichne).
Es werden immer mehr Artikel, die dieses Thema behandeln und das wundert auch nicht weiter, schliesslich ist unsere Post bekannt dafür Dinge zu verschlampen oder mit ihren beamtentypischen Prozessen normale Leute zur Weissglut zu bringen.
Heute also wieder einmal eine kleine Anekdote aus dem Umfeld der inetrnationalen Postzustellung:
Vor neun Monaten haben meine Schwiegereltern ein Paket zu uns geschickt.
Drei Wochen nach Aufgabe des Pakets kam dann auch das bekannte Schreiben vom Zoll zur Nachverzollung. Bis dahin noch alles normal.
Auf Grund von Corona sollte man bitte die Nachverzollung über DHL machen lassen. Gerne, ich habe nämlich auch keine Lust mir einen Tag freizunehmen nur damit ich ein Paket selber nach Hause schleppen kann, das eh an mich adressiert ist.
Ich finde es widerspricht grundsätzlich der Idee des Versendens, ein Paket selber zu transporieren .
Also Unterlagen zurückgesendet (kann man sogar jetzt online machen, obwohl das Schreiben per Post komt. Wow!).
Die Benachrichtigung vom Zollamt dass das Paket an DHL übergeben wird kam auch prompt, also nur noch warten auf das Paket.
Aber es kam nicht. Den Sendungsstatus konnte man im Internet auch nicht mehr checken, es war einfach verschwunden.
Telefonisch konnte man es mit der Sendungsnummer noch finden (Es wurde einem dann jedes Mal gesagt, dass die Postleitzahl nicht stimme), aber man bekam über die Websuche im Internet gar keine Informationen mehr zu dem Paket.
Sehr interessant. Der Brief vom Zoll ist ja mit der richtigen Postleitzahl zugestellt worden, muss sich also im Nachhinein ein Fehler eingeschlichen haben.
Inzwischen habe ich mir abgewöhnt bei der telefonischen Auskunft „Sendungsstatus“ anzugeben, sondern wähle direkt „Reklamation“ aus, dann bekommt man wenigstens einen Ansprechpartner (Denn die künstliche Intelligenz die hinter dem System steckt ist offensichtlich noch auf dem stand der 80er Jahre und ganz offensichtlich nicht in der Lage Anfragen befriedigend zu bearbeiten).
Einen Suchauftrag werde man in die Wege leiten und das Paket werde sich bestimmt ganz schnell wiederfinden.
Nach einer ganzen Weile habe ich dann doch noch einmal angerufen und erfahren, dass ich als Empfänger gar keinen Suchauftrag eröffnen kann, sondern dies von der Senderseite geschehen muss. Aber alles gar kein Problem, es verzögert sich alles derzeit ein wenig und ich solle noch bis Ende der Woche warten, dann wäre das Paket bestimmt schon auf dem Postweg.
Es ist dann tatsächlich wieder in der Sendungsverfolgung im Internetportal aufgetaucht.
Etwas verstörend allerdings ist der Umstand, dass es inzwischen dreimal zum Zoll transportiert wurde und danach immer wieder in die Region der Auslieferung.
Ich unterstelle niemandem etwas Böses, schliesslich hätte niemand einen Vorteil davon das Paket spazierenzufahren, ich glaube tatsächlich an völlige Unfähigkeit.
Also erst mal beruhigt und wieder angerufen (das läuft wie folgt ab):
- Angeben dass es sich um eine Reklamation handelt
- mit einem Paket
- international
- ja, Sendungsnummer ist vorhanden
- und die Sendungsnummer langsam buchstabieren.
Dann kommt eine echte Person an den Apparat, man erzählt ihr die ganze Geschichte, gibt nochmal die Sendungsnummer an und seine Adresse.
Dann heisst es „Ich schaue mal kurz nach“ und dann nichts mehr. Man hört nichts, es gibt kein Freizeichen, gar nichts.
Man legt dann erst nach drei Minuten auf, da man wider dem gesunden Menschenverstand doch insgeheim hoff, es würde sich noch etwas tun.
Wenn man es dann eingesehen hat ruft man noch einmal an und geht nochmal durch das ganze Prozedere.
Was soll ich Ihnen sagen: Genau das gleiche ist mir nocheinmal passiert. Entweder die Telefonanlage hatte einen Fehler oder die Unfähigkeit dieses Unetrnehmens zieht sich durch alle Fachbereiche.
Beim dritten Mal hatte es dann funktioniert und man sagte mir, dass die Sendung wieder beim Zoll wäre und ich auf das Schreiben warten solle.
...
Inzwischen waren bereits fast drei Monate vergangen, ich habe immer wieder mit Post und Zoll telefoniert, die mir jeweils den gleichen Schwachsinn erzählt haben.
Die Post behauptete sie hätten das Paket noch nicht bekommen und es läge noch beim Zoll, während der Zoll sagte, das Paket sei bei der Post.
Es ist also niemand zuständig und somit kann man auch niemanden unter Druck setzen.
Zumindest hatte ich endlich die Aussage bekommen dass dies kein Einzelfall ist und bereits mehrere Leute aktuell dieses Problem hatten.
---
Wieder einen Monat und etliche Telefonate später immer noch nichts neues.
Oder besser gesagt: Zwischendurch ist ein Brief mit den Kosten für die nachträgliche Postverzollung gekommen und ich habe mich in kindischer Naivität dazu hinreissen lassen zu glauben das Paket wäre gefunden und auf dem Weg zu uns.
Aber weit gefehlt. die Kosten wurden (sehr verspätet) eingefordert, obwohl der Verbleib de Pakets weiterhin ungewiss war.
Meine Nachrichten an die Post sind in ihrer Wortwahl etwas ausgefallener (bzw. leicht ausfallend) geworden, aber ich habe endlich die Information bekommen, dass ich als Empfänger über das Online-Portal doch einen Nachverfolgungsauftrag einstellen kann.
Das habe ich natürlich sofort versucht.
Was sich aber gar nicht so einfach gestaltet, wenn man die offizielle Webseite durchsucht.
Selbst mit der internen Suchfunktion und dem Suchwort „Nachforschungsauftrag“, was das System einen bereits nach ein paar eingetippten Zeichen von ganz allene vorschlägt, findet man nicht zu der tatsächlichen Eingabemaske des Nachforschungsauftrags.
Dazu muss man schon gezielt eine unabhängige Suchmaschine befragen.
Ich habe sie dann gefunden (die Seite mit der Eingabemaske) und meine Daten eingegeben, mit dem Ergebnis, dass die Postleitzahl angeblich falsch sei.
Da kam ich mir dann so richtig verarscht vor.
Ich hatte bereits schon über zwanzig mal bei diesem Ignoratenverein angerufen und jedes mal die korrekte Postleitzahl angegeben, das hätte man definitiv mal anpassen können (ich hab es ja nur jedes Mal vorgeschlagen).
Ich habe also wieder eine unschöne Nachricht geschrieben, bereits mit dem Hintergedanken dass sich ohne eine groß angelegte Geiselnahme hier wohl nicht viel bewegen wird.
Dann ist angeblich wirklich ein Nachforschungsauftrag eingeleitet worden, seit dem ich natürlich nichts mehr gehört habe.
„Man wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen“ hieß es. Inzwischen war das Paket bereits über vier Monate unterwegs.
Ist es vielleicht möglich, dass DHL einfach eine Liste an Floskeln abarbeitet ohne tatsächlich irgend etwas in die Wege zu leiten?
Die wissen womöglich gar nicht dass sie ein Paketdienst sind...
...
Weitere fünf Monate später (Also neun Monate nach Aufgeben der Sendung) ist das Paket wieder beim Absender in China aufgetaucht.
Na herzlichen Glückwunsch! Die Anziehsachen für unseren Sohn, die darin waren, werden definitiv nicht mehr passen, wenn es ein weiteres Mal auf die Reise geschickt wird.
Völliges Unverständnis gab es auf Seiten meiner Frau und der Schwiegereltern, denn so ein Problem lässt sich in China mit ein, zwei Telefonanrufen einfach regeln.
Aber nicht in Deutschland. Das fällt mir immer wieder auf.
Prozesse scheinen derart festgefahren, dass man als Kunde völlig den Launen des Systems ausgesetzt ist.
In China plant man schon mit ein dass mal etwas nicht so funktioniert wie es sollte und man kann entsprechend gegensteuern, wenn man sich kümmert.
Das scheint in Deutschland nicht ansatzweise möglich zu sein, denn zwei herausragende Eigenschaften der Deutschen scheinen, wie es uns in der Regel vorgeworfen wird, tatsächlich Sturheit und Resistenz gegenüber Verbesserungen zu sein.
Als Fazit halten wir also fest: Wenn ein Paket beim Zoll ankommt, unbedingt hingehen und es selber abholen.
Ansonsten ist es der Willkür einer Bande von Ahnungslosen ausgesetzt und die Zustellung reine Glückssache.