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Wenn der Bauer mal muss

Weil es immer wieder so gut ankommt, gibt es hier noch einmal einen Artikel über Toiletten in China.
Diesmal soll es gar nicht um die alten öffentlichen Klos in den alten Stadtvierteln gehen, sondern allgemein um die Leute die öffentliche Klos benutzen und ihre Eigenarten, speziell hier in China.
Was als aller erstes auffällt ist, dass es riecht wie in einer 80er Jahre Kneipe.
Da das Rauchen in öffentlichen Gebäuden nicht mehr erlaubt ist, raucht jeder auf dem Klo, schliesslich ist es zu umständlich raus zu gehen und sich dort eine anzustecken.
Somit sitzt man mit Zigarette auf der Schüssel, oder steht ganz einfach im Gang und hält ein Schwätzchen mit anderen Gleichgesinnten. Erinnert mich irgendwie an meine Schulzeit. ;-)
Auf dem Männerklo sieht man die Herren der Schöpfung ein gutes Stück vom Pinkelbecken entfernt stehen und im mehr oder wenigen hohen Bogen versuchen das Porzellan zu treffen.
Kein Wunder, dass sich um die Becken herum stets Lachen bilden. Oder man könnte auch argumentieren, dass alle so weit vom Becken entfernt stehen eben wegen der Lachen und der Angst in sie hineinzutreten.
Tja: Wer war zuerst da ? Das Ei oder das Huhn ?
Nun, diese Frage ist einfach beantwortet: Das Ei. Schliesslich haben Dinosaurier bereits Eier gelegt, lange bevor es Hühner gab.
Bleibt die Frage offen: Stehen alle so weit weg wegen der Pfützen, oder gibt es die Pfützen weil alle so weit entfernt vom Becken stehen ? Nun, wahrscheinlich beides. Was aber auch eigentlich egal ist, festzuhalten war einzig, dass es recht befremdlich ist.
Weiterhin fällt einem auf, dass man am Pinkelbecken anstehen musste, der Weg zu den Waschbecken aber stets frei ist.
Warum ist das so ? Nun, weil viele Leute tatsächlich ohne die Hände zu waschen aus der Toilette gehen. Kein Witz.
Nicht nur auf normalen öffentlichen Toiletten, wo man es vielleicht noch erwarten würde, sondern auch auf dem Firmenklo, wo jeder den anderen kennt. Das ist echt schräg.
Nun gut, ich bin der Meinung, dass man sich auf jeden Fall die Hände waschen sollte nachdem man auf der Toilette war.
Alleine schon aus Mitgefühl den anderen Menschen gegenüber. Und nicht bloss als Mann, der ja nun mal tatsächlich Hand anlegen muss, sondern auch als Frau. Schliesslich fasst man überall Türgriffe und alle möglichen öffentlich benutzen Utensilien an.
Ich wasche mir also die Hände nach dem Toilettengang. Dann bleibt natürlich immer die Frage: Wie öffnet man die Türe ?
Denn wenn jeder andere sich nicht die Finger wäscht, ist die Türklinke der Ort, wo sich die Bazillen zum Kaffeekränzchen treffen.
Warten dass jemand kommt ? Gute Idee, funktioniert aber nicht immer. Bei manchen stillen Örtchen ist das Waschbecken direkt vor der Türe. Das heisst, wenn man sich die Finger wäscht, kommt niemand mehr vorbei, man muss also als erstes gehen.
Also Option zwei: Der „Papierhandtuch-um-die-Klinke-Trick“. Ich weiss, sieht bescheuert aus und ich ernte immer wieder verwunderte Blicke.
Aber bleiben wir mal sachlich: Bei 80% bis 90% der Männer, die sich tatsächlich nicht die Hände waschen nachdem sie ihre Notdurft verrichtet haben, würde ein öffnen der Türe ohne Papier um die Klinke einer freundlichen Begrüssung gleichkommen, bei der man 100 unbekannten Männern einmal ungeniert ans Gemächt greift.
Da bleibe ich lieber etwas zurückhaltend, auch bei der Klinke. Abgesehen davon bin ich Ausländer, also ohnehin schon komisch, da kommt es auf den ein oder anderen Spleen nicht mehr an.
Blöd ist dann immer nur, dass man draussen wieder einen Mülleimer finden muss um das Papier zu entsorgen.
Dieses Problem scheinen viele der männlichen Kollegen auf öffentlichen Toiletten auch nicht zu haben.
Müll liegt überall, nur nicht im Papierkorb. Würde der Putzdienst nicht ständig hinterher räumen, sähe es tatsächlich verheerend aus. Papier, Zigarettenstummel, leere Zigarettenschachteln, Essensreste und immer wieder grosse Spuckflecken.
Erstaunlicherweise findet sich dieses Bild fast überall wieder. In den Kaufhäusern, in den Shopping Malls, im Restaurant, auf öffentlichen Klohäuschen und und und.
Man muss sich schon in einer etwas gehobenen Gesellschaft bewegen um diesem Phänomen zu entgehen.
Jetzt versteht man auch den Ausspruch, den viele Chinesen immer wieder gerne anführen, dass es immer eine gewisse Zeit braucht, bis man sich vom Bauern- zum Stadtleben umgewöhnt hat und etliche Leute einfach noch nicht lange genug hier leben.
Ich persönlich werde mich hüten so etwas jemals von mir zu geben, aber es ist eine gängige Meinung in Chinas Großstädten.
Es gibt aber auch andere Meinungen dazu. Eine sehr weit verbreitete basiert wieder auf der langen Phase der Ein-Kind-Politik, die erst kürzlich gelockert wurde (hatten wir im Artikel [[Aus eins mach zwei (so der Plan)]] angesprochen).
Da jedes Paar nur noch ein Kind haben durfte, haben Jungen einen besonderen Stellenwert bekommen, denn sie sind diejenigen, die den Familiennamen in der Zukunft weitertragen und wiederum an die Kinder weitergeben. Sie hatten, oder haben teilweise heute noch, den Status eines kleinen Prinzen in der Familie.
Es heisst, dass die Jungs so sehr verhätschelt worden sind, dass sie sich daran gewöhnt haben und gar nicht auf die Idee kommen, dass auch ihnen etwas unschönes anhaften könnte. Bis jetzt hat sich ja jeder immer darüber gefreut, wenn er ihren Dreck wegräumen durfte.
Eine Theorie, die man immer wieder von chinesischen Frauen und Mädchen hört und tatsächlich, wenn man Männlein und Weiblein nebeneinander stellt und vergleicht, sind die Damen, bereits in jungen Jahren, wesentlich erwachsener als die Herren.
Aber das heisst ja noch nichts. Genau genommen ist das sogar der Normalfall, überall auf der Welt. Frauen sind, im Gegensatz zu Männern, einfach vernunftbegabt in einem wesentlich früheren Alter.
Und wie es auf den Damentoiletten aussieht, darüber kann ich auch nur spekulieren.
Wir lassen das also einfach mal offen. Fest steht jedenfalls, dass man gut daran tut bei einem Kennenlernen die ausgestreckte Hand zu ignorieren und sich, ganz in traditionell chinesischer Art zu verbeugen. ;-)
Übrigens: wenn Sie mit Freunden unterwegs sind, werden sie merken, dass dieses Phänomen wesentlich seltener auftritt. Je mehr die Menschen sich gegenseitig respektieren, desto besser benehmen sie sich offensichtlich.
Dagegen werden sie auf der Toilette im Kaufhaus kaum jemanden finden, der sich so verhält, dass man ihm auch nach dem Toilettengang die Hand schütteln möchte.

The dark side of the moon

„The dark side of the moon“ ist wirklich ein bemerkenswertes Album. Es wurde1973 von Pink Floyd herausgebracht und besticht schon durch die hervorragende Abmischung.
Dieses Album hat alleine schon vom technischen Standpunkt aus einen Standard erschaffen, den selbst heutige Produktionen trotz Hilfe der inzwischen verfügbaren Technik in der Regel nicht erreichen.
Sollten Sie also noch die Möglichkeit besitzen die elektronischen Sound-Verbesserungssysteme ihrer Anlage zu Hause abschalten zu können oder noch eine richtige HiFi-Anlage besitzen mit schweren Boxen, dann drehen Sie einfach die Lautstärke etwas höher und geniessen Sie. Oder holen Sie den alten, verstaubten AKG-Kopfhörer wieder aus dem Keller, es lohnt sich.
Der Albumtitel „The dark side of the moon“ bezeichnet die Mondrückseite, also die Seite, die wir von der Erde aus nicht sehen können. Denn der Mond dreht sich aus Sicht der Erde nicht, während er sie umkreist. Oder genau gesagt: Er dreht sich kaum. Da er auf einer geneigten, ellipsenförmigen Bahn um die Erde kreist, sehen wir ca. 59% seiner Oberfläche.
Das hat natürlich schon früh die Phantasie der Menschen beflügelt. Waren es früher Geschichten von Menschen, die sich bei Vollmond in Wehrwölfe verwandeln, so handeln heutige Geschichten vom Mond selbst und es gibt unzählige Verschwörungstheorien, was sich denn auf den 41% Mondoberfläche, die wir nicht sehen, so alles befinden könnte.
Von Waffenlagern, die die Nazis damals dort angelegt haben bis hin zu Kolonien von ausserirdischen Spezies, die von ihrem Aussenposten dort das Leben auf der Erde beobachten gibt es nichts, was nicht zu skurril wäre um Anhänger zu finden.
Wie passend, dass der Name des ersten Menschen der den Mond betreten hat (Neil Armstrong), rückwärts gelesen „Gnorts Mr. Alien“ ergibt. „Gnorts“ wird dann wohl eine Art Anrede sein. ;-)
Die Mondrückseite wurde bis heute nur aus der Ferne erkundet und kartografiert. Zuerst 1959 von der russischen Sonde „Lunik 3“, dann 1965 von der ebenfalls russischen Sonde „Zond 3“ und zuletzt vom „Lunar Reconnaissance Orbiter“ der NASA.
Das chinesische Raumfahrtprogramm, das ich im Artikel [[Der lange Marsch zum Himmelspalast]] bereits einmal vorgestellt hatte, sieht vor noch Ende diesen Jahres einen Rover (also ein ferngesteuertes Vehikel) dort zu landen.
Bereits 2013 wurde ein chinesischer Rover auf dem Mond ausgesetzt. Sein Name ist 玉兔 (yù tù), übersetzt der Jadehase.
Der Name ist der Geschichte um 嫦娥 (Cháng ‘é) entliehen, die wir im Artikel [[Vom Herbstanfang und einer Frau die zum Mond flog]] bereits besprochen hatten.
In einigen Erzählungen lebt sie, seit dem sie zum Mond aufgestiegen ist, dort mit einem Jadehasen, den man manchmal, bei guter Sicht, in den Kraterformationen von der Erde aus erspähen kann.
嫦娥 (Cháng ‘é) ist übrigens auch der Name der Mondsonden, die China zum Mond geschickt hat. 嫦娥3 (Cháng ‘é 3) hat den Rover namens 玉兔 (yù tù) „Jadehase“ auf dem Mond abgesetzt.
Die aktuelle Mondmission, die den Namen 嫦娥4 (Cháng ‘é 4) trägt, war ursprünglich bereits 2015 geplant, es ist aber zu Verzögerungen gekommen, somit ist sie um einige Jahre verschoben worden.
Im Mondschatten, wenn der Mond zwischen der Raumsonde und der Erde steht, ist keinerlei Kommunikation mit der Erde möglich, was der Besatzung der damaligen Apollo 10 Mission, als sie ihn 1968 durchflog und trotzdem eine Art fremdartige Musik über die Lautsprecher empfangen konnte, einiges an Kopfzerbrechen bereitet hat. Offensichtlich sind Pink Floyd nicht die einzigen mit Musik hinter dem Mond. ;-)
Dieser Vorfall war bis 2008 nicht bekannt, da er als klassifiziert eingestuft wurde, was natürlich auch wieder unnötigerweise viele Verschwörungstheorien herauf bechwört hat.
Wenn man es aber einmal ganz nüchtern betrachtet, werden wahrscheinlich irgendwelche Magnetfelder oder Radiowellen unbestimmbarer Herkunft eine Geräuschkulisse haben entstehen lassen, die als Musik wahrgenommen wurde.
Schliesslich ist es eine menschliche Eigenart nach bekannten Mustern zu suchen. So sehen wir auch ständig in Wolkenformationen, zerknüllten Papiertaschentüchern oder im Blätterdach der Baumkronen menschliche Gesichter.
Da sich die aktuelle chinesische Mission auch auf der Mondrückseite abspielen soll, ist als Vorbereitung bereits eine Sonde positioniert worden als Relaisstation für den Datenverkehr zwischen Erde und dem Rover.
Der Name dieser Sonde stammt ebenfalls aus der chinesischen Mythologie und lautet 鹊桥 (què qiáo), übersetzt die „Elstern-Brücke“.
Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Artikel [[Abend der sieben]]. Er handelte von einer Fee, die mit einem Menschen eine Beziehung eingegangen ist, woraufhin man die beiden getrennt hat. Nur einmal im Jahr bilden die Elstern für sie eine Brücke, damit sie sich treffen können.
Ich finde das chinesische Raumfahrtprogramm ist schon alleine auf Grund seiner Namensgebungen absolut interessant.
嫦娥4 (Cháng ‘é 4) soll im „Von Kármán Mondkrater“, der nach Theodore von Kármán, einem Pionier in der Luftfahrt und Raketenforschung benannt ist, in der südlichen Hemisphäre auf der Mondrückseite landen um den Rover dort abzusetzen.
Wir dürfen also gespannt sein, ob dieser vielleicht anstatt der geplanten Gesteinsproben eine alte Getränkedose ausserirdischen Ursprungs mitbringt... Wir werden sehen. Bis dahin sage ich „Auf-Wieder-Gnorts“. ;-)

Mein Papa kann...

„Mein Papa kann“ und „Mein Papa hat“ sind Sätze, die Kinder gerne mal nutzen, um sich selber in einem besseren Licht zu präsentieren, indem sie Anerkennung für etwas verlangen, für das sie selber gar nicht verantwortlich sind.
Interessanterweise sind es aber nicht zwangsläufig immer Kinder, die mit dieser Logik arbeiten, aber sehen sie selbst:
Wer tagein, tagaus mit der U-Bahn in Beijing zur Arbeit fährt, gewöhnt sich zwangsläufig einige seltsame Eigenarten an.
Ist man es aus Europa gewöhnt in einer Schlange mit „normalen“ Schritten, einer nach dem andern nach und nach ans Ziel zu kommen, so geben diese „normalen“ Schritte in China Anlass dazu, dass sich bei jedem Schritt ein bis zwei Leute vor einen drängeln.
Auch ich habe mir inzwischen angewöhnt: Ich mach kleine Schritte. Man trippelt also vor sich hin, den Rucksack, den man im Menschengedränge am besten vor dem Bauch trägt, immer in den Rücken des Vordermanns gedrückt und achtet darauf, keinen Zentimeter Platz freizugeben.
Und noch ein Verhalten, das man so bei uns auch nicht kennt, gewöhnt man sich an: Man drängelt immer so, dass es nicht aggressiv ist und immer noch als „aus Versehen“ interpretiert werden kann, wenn man hier und da ein wenig drückt, schiebt oder blockiert. Ein Verhalten das in Chinas Großstädten überlebenswichtig ist, in Deutschland aber unter keinen Umständen angewandt werden sollte, da man dort schnell den Unmut vieler Leute auf sich ziehen würde.
Ganz anders in China. Hier wird man seltsam von der Seite angeguckt, wenn man sich all zu schnell über kleine Rempeleien aufregt und diese zur Sprache bringt.
Allerdings gibt es für alles eine imaginäre Grenze und die wird auch in China hin und wieder überschritten. Was dann passiert soll Thema des heutigen Artikels sein.
In Deutschland ist es schwer zu sagen welche Gesellschaftsgruppe häufiger aneinander gerät. Es können so wohl Männer als auch Frauen sein, jung oder alt. Alles ist möglich.
In China theoretisch auch, es fällt aber auf, dass gerade Frauen mittleren Alters gerne die Stimme erheben.
Es sind genau die Frauen, die sich auch an der Kasse vordrängeln und ein riesiges Palaver machen, wenn man ihnen sagt, dass sie sich doch bitte in der Reihe anstellen mögen.
Die Generation die zur Zeit der Kulturrevolution Kinder waren, insbesondere die Frauen unter ihnen, lassen in der Öffentlichkeit nur all zu oft Sitten und gutes Benehmen vermissen.
Ich hatte ja bereits im Artikel [[Umgangsformen und Lächeln]] einmal erwähnt, dass einige Chinesen der jüngeren Generationen insgeheim darauf hoffen, dass sich gute Umgangsformen in China wieder einfinden, wenn diese Generation irgendwann einmal ausgestorben ist.
Allerdings wird soziales Verhalten ja auch an die nächste Generation weitergegeben, wir dürfen also gespannt sein.
In Beijings U-Bahn kann man hier und da einen verbalen Schlagabtausch mitbekommen. Meist handelt es sich um eine der besagten Frauen, die im Disput mit einem anderen Fahrgast ist.
Der Ablauf solch einer Konversation ist immer gleich: Man fragt sich gegenseitig was man sich denn denkt, oder ob man denn überhaupt fähig ist zu denken.
Dann beschuldigt man sich gegenseitig keine Manieren zu haben und dann kommt man ohne Umwege direkt zu der Frage: Wer ist 老北京人 (lǎo běi jīng rén), also alteingesessener Beijinger Bürger.
Das ist essentiell. Man stellt sich damit auf eine höhere Stufe, indem man impliziert, dass der andere kein Alteingesessener, sondern ein zugezogener Bauer ist, der keine Manieren besitzt.
Es ist jedes Mal ein Fest für die Sinne und mutet auf Ausländer wie mich immer wieder seltsam an, wenn sich in guter Kindergartenmanier diese Dinge an den Kopf geworfen werden. Ich übersetze das ganz flach immer mit: „Mein Papa ist aber schon länger hier als Deiner“ und das fällt natürlich ganz klar in die Kategorie „Mein Papa kann“.

Brot-Supermann

Als ich Kind war, gab es in Deutschland bereits einen Trend zu animierten Zeichentrickserien aus Japan.
Captain Future war mein absoluter Favorit. Ursprünglich eine literarische Serie vom Edmond Hamilton aus Amerika. In den 80er Jahren dann als japanische Zeichentrickserie animiert.
Daneben gab es aber auch andere, so wie Heidi zum Beispiel. Eine Zeichentrickserie aus Japan, die nach den Romanen der Schweizer Schriftstellerin Johanna Spyri erstellt wurde.
Und wie ich jetzt erfahren habe gab es dieses Phänomen nicht bloss in Deutschland, sondern auch in China.
Doraemon (ドラえもん) ist eine von den Zeichentrickserien aus Japan, die in China sehr beliebt waren und sind. Aber auf diese werden wir ein andermal in einem anderen Artikel eingehen.
Heute sprechen wir über den sogenannten „Brot-Supermann“ (Sie werden wahrscheinlich genau so verdutzt gucken wie ich, wenn sie den Namen zum ersten Mal hören).
Also wie komme ich auf diesen, zugegeben recht skurrilen Charakter ?
Unter den Spielsachen unseres Sohnes befinden sich inzwischen einige Dinge, die aus eben jener alten, japanischen Serie stammen. Meine Frau scheint sie zu lieben.
Sie hat die Serie in ihrer Kindheit gesehen und kennt sie unter dem Namen 面包超人 (miàn bāo chāo rén), übersetzt eben „Brot-Supermann“. Anpanman (アンパンマン) heisst er im Original.
In Deutschland kennt man ihn gar nicht, In Japan ist er, was Merchandising Einnahmen angeht die Nummer Eins noch vor Mickey Mouse, Pokemon und Hello Kitty.
Seit 1986 gibt es die Serie, einen Comic sogar bereits seit 1973 und inzwischen auch Filme, etliche Computerspiele für alle gängigen Spielekonsolen, jede Menge Merchandise, Figuren, Spielzeuge und ich weiss nicht was sonst noch alles.
Der Kopf von Anpanman (アンパンマン) ist ein in Japan bekanntes Hefegebäck mit einer Füllung aus roter Bohnenpaste.
Er verteilt Stücke seines Kopfes an Leute die Hunger haben und wenn sein Kopf aufgegessen ist, wird von „Onkel Marmelade“ in der Serie ein neuer gebacken.
Wenn sein Gegner Bazillus ihn angreift, versucht dieser den Kopf von Anpanman (アンパンマン) mit Hilfe von Dreck, Wasser oder Schimmel ungeniessbar zu machen, denn dann verliert dieser seine Superkräfte, was natürlich in jeder Folge auch tatsächlich passiert.
Dann muss ein neuer Kopf gebacken werden und die Superkräfte sind zurück, mit denen er seinen Gegner endlich besiegt.
An und Pan im Namen von Anpanman (アンパンマン) bedeuten Bohnenpaste (An) und Brot (Pan) und bilden zusammen den Namen des Gebäcks (Anpan). Es wurde passenderweise von einem ehemaligen Samurai namens Yasubei Kimura zum ersten Mal gebacken.
Wobei man natürlich auch hier wieder feststellen muss, dass ähnliche Gebäckstücke in China seit jeher gegessen wurden.
Die Bohnenpaste, die nicht nur in Japan, sondern auch in Korea sehr beliebt ist, kommt ursprünglich aus der chinesischen vegetarisch-buddhistischen Küche und ist unter dem Namen 豆沙 (dòu shā) bekannt.
Wenn man von Brot spricht, muss man natürlich auch von Deutschland reden.
Einige hundert Brotsorten gibt es hier, die je nach Region auch immer noch etwas voneinander variieren können.
Gibt es denn hier keinen Brot-Supermann ? Nun, nicht direkt. Es gibt „Bernd das Brot“. Eine Figur aus einem Kinderfernsehkanal.
Bernd ist eine Puppe, die ein Kastenbrot mit kurzen Armen darstellt. Er hat einen ziemlich depressiven Character, was ihm viele Sympathien von erwachsenen Zuschauern eingebracht hat, obwohl es sich eigentlich um eine Serie für Kinder handelt.
Er tut gerne so unsinnige Dinge wie das Testbild zu schauen (ich wundere mich, dass Kinder von heute es überhaupt noch kennen) oder das Muster auf der Rauhfasertapete auswendig zu lernen.
Und er hasst Abenteuer. Aber genau auf diese nehmen seine Freunde ihn natürlich immer mit.
Er ist genau genommen das exakte Gegenteil zum vorhin beschriebenen Brot-Supermann und ich frage mich, wie viel kulturelle Eigenheiten man tatsächlich aus diesen Charakteren herauslesen kann.
In gewisser Weise stimmen die Klischees ja schon ein wenig... ;-)

Lauscher aufgestellt

Wenn man durch Chinas Strassen läuft, fällt einem immer wieder auf, dass überall Ohren sind. Weiche, puschelige mal spitz zulaufende, mal runde und hängende Schlappohren.
Im Menschengedränge huschen sie ständig an einem vorbei und man fühlt sich fast schon wie auf einer Safari.
Nicht nur an den Kapuzen von Kinderkleidung, sondern auch an denen von etlichen jungen Frauen und sogar Männern sind sie angebracht.
Gerade für Kinder fällt es dieser Tage schwer überhaupt Anziehsachen zu kaufen ohne dieses Accessoire.
Es gibt Katzen- oder Mausohren an Kapuzen, auf Mützen, auf Haarreifen und am Handy. Riesengrosse Hasenohren die aus der Schutzhülle des Mobiltelefons ragen und teilweise grösser sind als das Gerät selber. Hin und wieder sind sogar Autos mit Ohren ausgestattet.
Für einen Europäer mutet das erst einmal seltsam, vielleicht sogar etwas naiv an, aber wir sind ja hier um etwas genauer hinzuschauen:
Und tatsächlich gibt es diesen Trend in ganz Asien schon seit geraumer Zeit. Es ist eigentlich nur ein weiterer Auswuchs einer Bewegung, die alles (aber auch wirklich alles) verniedlichen will.
Viele glauben, dass der Ursprungs dieses Trends in Japan liegt, aber das ist nicht hundertprozentig geklärt.
Fest steht auf jeden Fall, dass dieses Phänomen in Japan inzwischen enorme Ausmasse angenommen hat.
In Japan nennt man es Kawaii (可愛い oder かわいい), im chinesischen entsprechend 可爱 (kě ài), was so viel wie liebenswert, knuddelig, süss, reizend etc. bedeutet. In Japan hat man einfach noch ein „i“ bzw. „い“ dahintergehangen, um es als eigenen Trend zu deklarieren.
Wie gesagt, die Ohren an Kleidung und jeder Menge Accessoires sind nur ein kleiner Teil des Phänomens.
Kawaii (可愛い oder かわいい) ist ein Genre, das so seltsame Dinge hat entstehen lassen wie Babymetal, eine Band junger, japanischer Mädchen, die meist in Schuluniform zu Metal Musik singen.
Und die Schuluniformen haben noch in ganz andere Gebiete Einzug gehalten. So gibt es die Maid-Cafes (ursprünglich aus Japan, inzwischen gibt es aber auch in Beijing eins), in denen Mädchen in Schuluniformen die Gäste bedienen und natürlich auch etliche Pornoproduktionen aus Fernost.
Wobei letztere in China nicht vorkommen, da erstens Pornografie illegal ist und zweites die Schülerinnen und Schüler in China als Schuluniform alle durchweg Trainingsanzüge tragen.
Meist in einer Einheitsgrösse. Sie sind also entweder zu gross oder zu klein. Chinesische Schüler erinnern irgendwie immer an einen bunt bedruckten Sack Kartoffeln. ;-)
Ein weiteres Phänomen sind Anime Charaktere, die sich überall im täglichen Strassenbild wiederfinden.
In asiatischen Ländern werden oft offizielle Plakate oder Schilder mit zeichentrickähnlichen Figuren versehen um die Aufmerksamkeit der Leute zu gewinnen.
Auch, oder gerade jene Plakate oder Schilder die im Zusammenhang mit Polizei oder Militär stehen werden gerne verniedlicht. Das ist definitiv etwas, was man aus unseren Breitengraden so nicht kennt.
Werbung fürs Militär stellt bei uns immer den heroischen, maskulinen Charakter heraus und Plakate, die Benimmregeln in öffentlichen Gebäuden beschreiben, werden definitiv auch nicht mit grossäugigen Polizeimännchen versehen. In China und anderen asiatischen Staaten schon. Das ist hier kein Wiederspruch.
In Beijings U-Bahn läuft regelmässig ein Video, das auf die Gefahren von kriminellen Machenschaften hinweisen soll mit dem Ziel, dass der besonnene Bürger abnormales Verhalten direkt bei den Behörden meldet.
Dabei werden Zeichentrick Charaktere verwendet, die auf den ersten Blick erst einmal nett anzusehen sind.
Die Polizei in voller Schutzmontur und natürlich mit grossen Köpfen und überdimensionalen Augen und die bösen Jungs mit Sonnenbrillen, Drei-Tage-Bart und Stirnbändern.
Wenn sie dann aber anfangen Banken auszurauben, Geiseln zu erschiessen, unter deren leblosen Körpern sich eine Blutlache bildet und ein Terrorist per Kopfschuss auf seinem Geländewagen von der Polizei ausgeschaltet wird, bekommt das ganze doch ein ziemlich eigenes Flair. Ich sage mal: Es ist auf jeden Fall interessant (erinnert mich ein wenig an den Film „Meet the Feebles“).
Die Verniedlichung hat also nicht bloss in die Privathaushalte Einzug gehalten, sondern auch in öffentlichen Behörden, bei der Polizei und überall dort, wo man es eigentlich nicht vermuten würde.
Ist es anfangs seltsam, weil man es in solchen Ausmassen noch nicht gesehen hat, gewöhnt man sich doch schnell daran und es fällt einem mit der Zeit gar nicht mehr auf.